Woran jede Führungskraft scheitert: die fünf Versuchungen der Führung – Teil 2

Dieser Eintrag ist Teil 2 von 2 der Blogreihe Woran jede Führungskraft scheitert

In Teil 1 der Blogreihe „Woran jede Führungskraft scheitert: Die fünf Versuchungen der Führung“ haben wir uns mit den folgenden drei Versuchungen der Führung auseinandergesetzt:

  • Ergebnis vs. Status
  • Verantwortung vs. Beliebtheit
  • Klarheit vs. Sicherheit

Heute werden wir näher auf die vierte und fünfte Versuchung eingehen:

  • Auseinandersetzung vs. Harmonie
  • Vertrauen vs. Unverletzbarkeit

Vierte Versuchung: Auseinandersetzung versus Harmonie

Kennen Sie Meetings mit Wohlfühlatmosphäre? Führungskräfte, denen es schwerfällt, Themen kritisch zu beleuchten und Gleiches auch von den Mitarbeitern einzufordern? Ein klares Indiz dafür, dass die Führungskraft der vierten Versuchung verfallen ist: Sie strebt nach Harmonie.

Ein harmonisches Zusammenleben ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Auf ruhigen Gewässern ein Boot zu steuern, ist wesentlich einfacher als im wütenden Sturm. Warum also beruflich in die Auseinandersetzung gehen? Zuviel Harmonie behindert produktive, respektvolle Konflikte. Es geht weder um Streit noch darum, andere Menschen niederzumachen. Vielmehr steht der Gedanke im Vordergrund, einen leidenschaftlichen Austausch der Ansichten zu ermöglichen. Die besten und nachhaltigsten Entscheidungen können erst getroffen werden, nachdem alle Sichtweisen, Meinungen und Herausforderungen glasklar benannt und diskutiert wurden. Nutzen Sie hierfür alle Ressourcen. Machen Sie sich die beste Informationsquelle zum Diener, die Ihnen zur Verfügung steht: Ihre Mitarbeiter.

Welche Glaubenssätze und Einwände stehen in der Praxis oftmals einer Kultur der Auseinandersetzung entgegen? Viele Führungskräfte haben beispielsweise Angst, dass Mitarbeiter den Sachverhalt persönlich nehmen. Oftmals verhindern aufkommende Emotionen der Teilnehmer einen konstruktiven Austausch. Zudem wissen Führungskräfte häufig nicht, wie sie eine Auseinandersetzung professionell leiten und führen können. Da sie einige Male gescheitert sind, scheuen sie in den Konflikt zu treten. Sie leben Harmonie, wo Auseinandersetzung gefordert wäre. Überlegen Sie sich einmal, ob sich Mitarbeiter in einer Organisation verstanden und abgeholt fühlen, die ein starkes Bedürfnis haben, produktive Konflikte zu führen? Sobald Harmonie dominiert und keine Auseinandersetzung gelebt wird, werden sich diese Mitarbeiter abwenden und resignieren. Sie gehen ein wie eine Pflanze ohne Wasser.

Fünfte Versuchung: Vertrauen versus Unverletzbarkeit

Kennen Sie Menschen, die ein Bild der Unverletzbarkeit abgeben? Menschen, die immer stark sein wollen und keine Schwäche zugeben? Vertrauen Sie diesen Menschen? Sobald Führungskräfte der fünften Versuchung verfallen, neigen sie dazu, vor ihren Mitarbeitern ein Bild der Stärke abzugeben. Oftmals wollen sie nicht angreifbar sein. Weder für eigene Schwächen noch für selbstproduzierte Misserfolge. Das würde ihren Status schwächen. Die Frage lautet: Vertrauen Mitarbeiter Führungskräften, die ein solches Verhalten vorleben? Meine klare Antwort: Nein!

Wie will eine Führungskraft Mitarbeiter dazu bewegen, Schwächen zuzugeben und in die Auseinandersetzung zu gehen, wenn sie selber nicht dazu imstande sind? Menschen öffnen sich mit ihren persönlichen Sorgen, Bedürfnissen, Gefühlen, Problemen, Ängsten und kritischen Anmerkungen leichter, wenn eine vertrauensvolle Atmosphäre herrscht. Diese hängt maßgeblich davon ab, wie innerhalb einer Organisation mit Schwächen umgegangenen wird. Bitten Sie als Führungskraft Ihre Mitarbeiter, Ihnen bei der Minimierung ihrer eigenen Schwächen und Fehler zu helfen. Eine vertrauensbildendere Maßnahme, als sich selbst ein Bild der Verletzbarkeit einzugestehen, gibt es nicht.

Ich gebe Ihnen vollkommen Recht, wenn Sie jetzt sagen, dass die Überwindung dieser Versuchung Angst und Schmerz kostet. Ja, es ist richtig schmerzvoll! Jedoch befreit es ungemein, offen über seine eigenen Schwächen zu reden. Glauben Sie mir: Ihre Mitmenschen lassen Sie nicht im Stich…

Meine ganz persönliche Geschichte zur fünften Versuchung

Als Führungskräfte-Trainer und Blogger habe ich immer ein Ziel: Bevor ich Themen niederschreibe, will ich sie nicht nur intellektuell durchdrungen, sondern auch emotional verstanden haben. Bevor ich mich mit den fünf Versuchungen beschäftigt habe, habe auch ich meinen Mitmenschen ein Bild der Unverletzbarkeit präsentiert. Ich wollte bewusst Stärke ausstrahlen. Ich wollte, dass andere Gutes über mich denken. Stärken habe ich kommuniziert –  Schwächen weniger.

Dann bin ich gezielt aus meiner Komfortzone herausgegangen: Seitdem thematisiere ich gegenüber meiner Partnerin und Familie, meinen Freunden oder Kollegen auch Schwächen. Dinge, die mir schwerfallen. Situationen, an denen ich gescheitert bin. Zudem öffne ich mich zu persönlichen Gegebenheiten, die ich sonst für mich behalten habe.

Das Resultat: Meine Mitmenschen haben meine Verletzbarkeit mit Respekt, Wohlwollen und ehrlichem Interesse entgegengenommen. Sie fühlen sich mehr zu mir hingezogen und kommen von sich aus auf mich zu, um mir zu helfen, diese Schwächen abzustellen. Ich habe für mich emotional verstanden, dass es keine Maßnahme gibt, die mehr Vertrauen schafft und Menschlichkeit zeigt, als mich verletzbar zu zeigen. Eine wunderbare Erkenntnis.

Ihre Emotionen zu den fünf Versuchungen

Nachdem Sie nun die fünf Versuchungen kennengelernt haben, überlegen Sie sich, zu welcher Versuchung Sie eine starke Emotion haben:

  1. Ergebnis versus Status
  2. Verantwortung versus Beliebtheit
  3. Klarheit versus Sicherheit
  4. Auseinandersetzung versus Harmonie
  5. Vertrauen versus Unverletzbarkeit

Haben Sie für sich eine Versuchung identifiziert? Welche Auswirkungen würde es auf Ihre Wirkung und Ergebnisse haben, wenn Sie sich weiter auf der linken Seite aufhalten? Welche Probleme könnten Sie so vermeiden oder welche Chancen könnten sich ergeben?

Die Magie der Umkehrwirkung

Wie häufig passiert es, dass bei ausbleibenden Ergebnissen panisch Meetings zusammengerufen werden, bei denen Führungskräfte und Mitarbeiter über mögliche Gründe und Ursachen diskutieren? Was folgt, ist oft Aktionismus. Etwas Nachhaltiges passiert meist nicht. Um nachhaltig Wirkung und Ergebnisse zu erzielen, ist es sinnvoll, das Modell der fünf Versuchungen umgekehrt zu lesen. Erst dann werden die wechselseitigen Einflüsse der Prinzipien sichtbar. So beginnen wir bei der Fehleranalyse nicht bei den Ergebnissen, sondern bei der Unverletzbarkeit von Menschen:

Wenn ich als Führungskraft meine Unverletzbarkeit aufgebe, offen Schwächen zugebe, finden Menschen Zugang zu mir. Das bildet Vertrauen. Gegenseitiges Vertrauen ist die Grundlage, um offen und transparent in produktive, respektvolle Auseinandersetzungen zu gehen. Sobald es richtig kracht, das „bereinigende Gewitter“ hinter dem Team liegt, kann Harmonie entstehen. Auseinandersetzungen führen zu mehr Klarheit. Entscheidungen auch ohne absolute Sicherheit zeitnah treffen zu können, zieht ebenfalls Klarheit nach sich. Und Klarheit eröffnet Führungskräften die Möglichkeit, Mitarbeiter für Ergebnisse zur Verantwortung zu ziehen. Wenn Menschen wissen, wofür sie verantwortlich sind, können Sie auch Ergebnisse produzieren. Diese Ergebnisse sind langfristig der einzige Maßstab einer erfolgreichen, wirkungsvollen Führungskraft.

Überwindung der fünf Versuchungen:

Überwindung der 5 Versuchungen für Führungskräfte

 

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Bildquelle: © Trueffelpix Fotolia.com #79942378

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Über den Autor

Grundl Leadership Institut
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Die Redaktion der Grundl Leadership Institut schreibt über verschiedene Facetten von Führung wie Führungsverantwortung und systematische Menschenentwicklung. Das Redaktionsteam transferiert in den Beiträgen relevante Managementlehren in die Praxis und greift damit wirkungsvoll den Leading Simple©-Gedanken des Grundl Leadership Institut auf: Menschen fördern – mit System.

Der intensive Austausch mit Boris Grundl und den Trainern des Grundl Leadership Institut liefert kontinuierlich neue Impulse, einzelne Aspekte von Führung zu beleuchten und Handlungsempfehlungen aufzuzeigen.

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