Warum Wachsen am Widerstand so wichtig ist

Bereits in meiner Zeit als Logopädin reizte mich das Thema um das „persönliche Wachstum“. Ich stellte mir früh die Frage, was es war, was Patienten in ihrem ganz persönlichen Stadium wirklich voranbrachte. Was sollte oder musste ein Patient lernen, damit es ihm langfristig besser ging? Ich fragte mich, welche inneren Prozesse Menschen wirklich befähigen könnten, den nächsten Schritt der Entwicklung zu gehen.

Ich erinnere mich in diesem Kontext noch gut an Therapiestunden mit Patienten, die recht harmonisch verliefen. Wir waren uns einig, sympathisch, hatten vielleicht sogar ein paar Gemeinsamkeiten. Ich erwischte mich tatsächlich dabei, wie mich solche Stunden, unter dem sogenannten „Deckmantel der Harmonie“ kurzfristig befriedigten. Doch es ist nicht der „Einklang“, der uns Menschen den nötigen Impuls für Veränderung liefert. Und siehe da, das Motto „harmonische Therapie – gute Therapie“ überzeugte allenfalls kurzfristig. Die Therapieergebnisse blieben aus – die Patienten sehnten sich weiterhin nach Veränderung. Das konnte nicht die Lösung sein.

Die nächste Stufe erreichen

Um wirklich in innere Bewegung zu kommen und den nächsten Schritt, die nächste Stufe zu erreichen, braucht es die Auseinandersetzung und den Widerstand. Ohne Reibung kein Wachstum. Erst wenn wir in respektvolle Auseinandersetzung gehen und uns trauen, uns von dem Anderen, seinen Werten, seiner Meinung oder seinem Verhalten abzugrenzen, erhalten wir die Chance auf mehr Klarheit und ein tieferes Verständnis.

Die Unterscheidung „Harmonie vs. Auseinandersetzung“ hilft mir heute dabei, viele Aspekte meiner „bevorzugten Verhaltensweisen“ zu reflektieren. Betrachte ich mich heute nochmals in meiner Rolle als Therapeutin wird mir klar, was ich damals nicht zu benennen vermochte: Patienten wuchsen erst dann, wenn sie innerhalb des therapeutischen Settings Auseinandersetzung erfuhren.

Und auch heute in meiner Funktion als Assistentin der Geschäftsleitung hilft mir die Unterscheidung immer wieder dabei, mich mutig und offen auf Konflikte einzulassen. Durch den Perspektivwechsel, Auseinandersetzung als Entwicklungsmotor anstatt als zwischenmenschlichen Stolperstein zu betrachten, entstehen für mich neue Erkenntnisse und Ergebnisse. Die Harmonie gelangt aus der Oberfläche in die Tiefe.

Warum fiel es mir schwer, in Auseinandersetzungen zu gehen? Warum wählte ich so oft den Weg der Harmonie anstatt mich respektvoll von meinem Gegenüber abzugrenzen?

Harmonie schafft Gleichgewicht

Hier lohnt es sich, genauer hinzusehen und die Funktion der Harmonie in ihrem Kern zu betrachten: Harmonie bedeutet Sicherheit. Sie ist im sozialen Leben von enormer Bedeutung und fördert ein friedvolles Zusammenleben. Harmonie hält uns Menschen zusammen, stabilisiert familiäre, gesellschaftliche oder politische Prozesse. Sie schafft ein Gleichgewicht.

Das ist alles in Ordnung. Wichtig ist, zu erkennen, wann sich das Bedürfnis nach Harmonie zur „Harmoniesucht“ entwickelt und wann ich die Fähigkeit verliere, zwischen Auseinandersetzung oder Harmonie zu wählen. Wichtig ist, zu erspüren, wann ich mich und meine persönliche Integrität zugunsten der Harmonie vernachlässige oder aufgebe. Wichtig ist, wählen zu können und flexibel zu bleiben.

Wie ist das bei Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin? Trauen Sie sich Konflikte und Reibungen zu? Oder wünschen Sie sich manches Mal, auch den friedlichen Weg gehen zu können, anstatt immer die Konfrontation zu suchen? Sind Sie flexibel im Umgang mit Harmonie und Auseinandersetzung?

Lieber Leser, liebe Leserin, wenn Sie diese Unterscheidung interessiert und sie weitere Aspekte zum Thema erfahren wollen, lohnt es sich, den Online Kurs zur Unterscheidung „Brennglas vs. Gießkanne“ in unserer Online Akademie anzusehen.

Sprechen Sie uns an, wir freuen uns auf Sie.

Ihre Johanna Kersten

Bild von Sarah Richter auf Pixabay

Über den Autor

Johanna Kersten
Johanna Kersten

Johanna Kersten arbeitet und wirkt im Grundl Leadership Institut als Assistentin der Geschäftsleitung. In dieser Funktion behält sie alle internen Abläufe im Blick. Sie stellt Dinge klug infrage und schaut kritisch auf Abläufe und Vorgänge. Das Grundl Leadership Institut erforscht und lehrt hochwertige Unterscheidungen. Als wertvolles Teammitglied möchte Johanna Kersten daher die Blog-Leser gerne an ihren eigenen Erfahrungen zu diesem Thema teilhaben lassen – ihren ganz persönlichen Unterscheidungen und Herausforderungen im Alltag.

Mit ihrer Grundausbildung zur Logopädin bringt Johanna Kersten besondere Erfahrungen im Thema „Führung und Verantwortung“ mit. Ihr ist bewusst und sie erfuhr selbst, was Führung im therapeutischen Setting bedeutet sowie welch hohen Stellenwert das Thema Verantwortung in Kommunikation und Interaktion einnimmt. Mit ihrem körpertherapeutischen Hintergrund interessiert sich Johanna Kersten besonders für das „Wie“ und die Umsetzung persönlicher Veränderungsprozesse.

Ein Kommentar

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  • Hallo Frau Kersten,
    ich kann dem nur zustimmen und es aus meiner eigener Erfahrung bestätigen.

    Hier kommen wieder die in einem anderen Artikel beschriebene Komfortzone (Gefühl der Sicherheit, des Vertrauen und der Geborgenheit) und Lernzone (Raum der Entwicklung und des Wachstums) ins Spiel.
    In der Komfortzone fühlen sich die Menschen wohl aber nur außerhalb der Komfortzone, der Lernzone, findet Veränderung, Entwicklung und Wachstum statt.“

    Vielen Dank für den Artikel

    Schöne Grüße
    Viktor Gel

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