Wirklichkeit oder Wirklichkeiten?

Gibt es tatsächlich die eine Wirklichkeit? Oder sollte es besser WirklichkeitEN heißen? Wie wirklich ist die eigene Wirklichkeit? Also das, von dem wir denken, dass es tatsächlich ist und existiert? Der Glaube, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, ist eine gefährliche Selbsttäuschung. Die erschaffene Wirklichkeit ist nämlich unter anderem das Ergebnis unserer sogenannten kognitiven Verzerrungen. Diese sind meist unwillkürliche, systematische fehlerhafte Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen. Um diese genauer zu verstehen, möchte ich Sie zu einer kleinen Denksportaufgabe einladen:

Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet 1 Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?

Durchdenken Sie die Aufgabe sehr schnell, drängt sich Ihnen wahrscheinlich die Annahme auf, dass der Schläger 1 Euro und der Ball 10 Cent kosten. Wenn Sie die Aufgabe aber tatsächlich berechnen, wird Ihnen sofort klar, dass das nicht stimmt. Der Schläger kostet nämlich 1,05 Euro und der Ball 5 Cent.

Es gibt zwei verschiedene Denkmodi, mit deren Hilfe wir Entscheidungen treffen und Informationen verarbeiten. Im ersten Modus ist unser Denken stark emotional geprägt. Es läuft schnell, automatisch und instinktiv ab. Im zweiten Modus denken wir langsamer, bewusst und logisch. Jeder Denkmodus weißt Vor- und Nachteile auf. Mithilfe unseres „schnellen Denkens“ (Intuition, Gefühl, grobe Faustregeln …) können wir oftmals mühelos Informationen aufnehmen und zu richtigen Schlussfolgerungen kommen. Diese „geistige Abkürzung“ kann allerdings auch in die Irre führen. Unser „langsames Denken“ (rationale Analyse und Überlegung) kann vorschnelle Urteile korrigieren. Es erfordert allerdings kognitive Anstrengung, die uns nur in begrenztem Maße zur Verfügung steht.

Kognitive Verzerrungen: Wir erschaffen unsere eigene Wirklichkeit

Wenn Ihnen bei der Aufgabe mit dem Schläger und dem Ball ein Fehler unterlaufen ist, haben Sie sich vermutlich im schnellen Denkmodus befunden. Auch im Alltag verlassen wir uns häufig darauf. Kognitive Verzerrungen entstehen und wir erschaffen uns unsere eigene Wirklichkeit. Ein Beispiel für eine kognitive Verzerrung ist der sogenannte Halo-Effekt (von englisch „halo“ = Heiligenschein). Wenn wir eine andere Person kennenlernen, filtert unser Gehirn aus der Menge der auf uns einströmenden Informationen einige heraus und setzt Prioritäten. Es kommt dazu, dass faktisch unabhängige und nur bedingt korrelierende Eigenschaften von Personen fälschlicherweise als zusammenhängend betrachtet werden. Einzelne Attribute einer Person (wie Größe, Aussehen, Alter, Behinderung, …) erzeugen einen positiven oder negativen Eindruck, der die weitere Wahrnehmung der Person „überstrahlt“ und den Gesamteindruck unverhältnismäßig beeinflusst.

Differenzierte Betrachtungen werden erschwert

Dieser Effekt wurde in Studien des Psychologen Edward Thorndike deutlich, der im ersten Weltkrieg die Beurteilung von Soldaten untersuchte. Die angelegten Kriterien waren dabei sehr unterschiedlich und bewerteten zum Beispiel Intelligenz, Aussehen, Charakter, Musikalität und zielgenaues Schießen. Die Untersuchung führte zu überraschenden Ergebnissen: Soldaten mit einer einwandfreien Körperhaltung wurden auffällig oft zielgenaues Schießen und Musikalität bestätigt, wohingegen die anderen Soldaten bei der Bewertung unterdurchschnittlich abschnitten. Die einwandfreie Körperhaltung überstrahlte den Rest der Kriterien und machte eine differenzierte Betrachtung der Soldaten unmöglich.

Es kann etwa sein, dass ein herausragender Schwimmer automatisch als sportlich begabt angesehen wird. Tatsächlich muss ein fitter Schwimmer aber noch lange kein guter Läufer sein. Dies ist unter anderem der Grund, weshalb attraktive Menschen gleichzeitig als sozial kompetenter und erfolgreicher gelten. Wirkt der Halo-Effekt im Positiven, kann automatisch die Berechtigung und emotionale Aufnahmebereitschaft dieser Person gegenüber erhöht sein. Der Halo-Effekt kann aber auch negativ wirken: Erfüllt jemand ein bestimmtes Attribut nicht, wird oftmals interpretiert, dass andere Attribute auch fehlen. Die Aufnahmebereitschaft kann dadurch entzogen werden.

Weitere Beispiele für kognitive Verzerrungen sind in folgender Tabelle zusammengefasst:

Primär-Effekt Der erste Eindruck wird nur schwer revidiert.
Halo-Effekt Die (Gesamt-)Wahrnehmung orientiert sich an einer hervorstechenden Einzeleigenschaft.
Attributionsfehler Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen auf das Verhalten einer Person werden überschätzt und äußere Faktoren beziehungsweise Einflüsse unterschätzt.
Ähnlichkeitsfehler Menschen nehmen an anderen Personen Eigenschaften wahr, die sie sich selbst zuschreiben.
Kontrasteffekt Die eigene Person oder andere Personen werden zum Bezugsrahmen für die Beurteilung anderer.
Authority Bias Menschen gehorchen Autoritäten, selbst wenn es rational oder moralisch keinen Sinn macht.
Rosenthal-Effekt Die Leistung einer Person ist abhängig von den Eigenschaften, die ihr eine Person (zum Beispiel ein Vorgesetzter) zuschreibt.
Social Proof Menschen denken, sie verhalten sich richtig, wenn sie sich so verhalten wie die Masse.

 

Umsetzung im Alltag

  • Welche Bedeutung könnten kognitive Verzerrungen nun für Ihren (Führungs-)Alltag haben?
  • Wann unterliegen Sie selbst solchen Verzerrungen und zu welchen falschen Interpretationen kommen Sie dadurch?
  • Welche Wirklichkeiten schaffen sich Ihre Mitarbeiter durch ihre eigenen kognitiven Verzerrungen? Wie können Sie damit umgehen?

Um kognitive Verzerrungen bei Ihnen selbst und anderen einzuschränken, gibt es eine wirkungsvolle Möglichkeit: Stellen Sie mehr Fragen! Je mehr Informationen Sie haben, desto besser wird Ihre Einschätzung. Gerne unterstützen wir Sie dabei in unseren Führungskräftetrainings und Coachings. Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen.

Wollen Sie sich noch tiefer mit kognitiven Verzerrungen und andere Stolpersteinen in der Kommunikation beschäftigen? Erfahren Sie mehr im Buch „Kommunizieren heißt scheitern“ von Atilla Vuran und Nina Harbers.

Glaube nie, dass du dich in der Wirklichkeit des anderen befindest. Mache dich kundig, was die Worte in der Welt deines Gegenübers bedeuten
(adaptiert nach Paul Watzlawick).

 Ihre Nina Harbers

Bildquelle: ©pixabay5187396

Über den Autor

Dr. Nina Harbers
Dr. Nina Harbers

Seit 2011 arbeitet Dr. Nina Harbers als Leiterin in der Trainerausbildung der Grundl Leadership Akademie.

Ihr Weg in Richtung Akademie bahnte sich an, als sie bereits mit 26 Jahren Führungsverantwortung in einem Medizintechnikunternehmen bekam. Schnell war sie mit Widerständen konfrontiert von älteren und erfahreneren Mitarbeitern, die sich von einer so jungen Frau nicht führen lassen wollten. Zwar hatte sie viel Know-How während ihres Studiums und der Zeit ihrer Promotion erworben, doch das Führen von Menschen hatte sie dabei nicht gelernt. Auch Wille und Disziplin reichten nicht aus, um ihre Mitarbeiter erfolgreich zu führen und zu entwickeln. Um als Führungskraft wirkungsvoller zu werden, bildete sie sich weiter und machte unter anderem einen MBA sowie NLP- und Coaching-Ausbildungen. Dabei setzte sie das erste Mal bei sich selbst an, durchlief ihren persönlichen Transformationsprozess und erzielte dadurch Erfolge als Führungskraft.

Nach und nach reifte bei Dr. Nina Harbers der Wunsch dies auch an andere Menschen weiterzugeben. Zunächst Teilnehmerin einer Leading Simple©-Umsetzung war sie im Anschluss von der Einfachheit und Klarheit des Konzepts überzeugt, sodass sie schließlich über akademieinterne Ausbildungsschritte zu ihrer heutigen Tätigkeit als Trainerin kam.

Gemeinsam mit Atilla Vuran entwickelte sie zusätzlich die interne Trainerausbildung, die sie heute koordiniert und begleitet.

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