Entscheidungen: Wer sind ihre “inneren Mitspieler”?

Es gab selten eine Zeit, in der Entscheidungen auf unserer Welt und von Seiten der Politik so erwartet wurden wie in dieser Krise. Nicht nur Politiker müssen täglich Entscheidungen treffen, auch jeder von uns entscheidet sich in diesen Tagen, wie er oder sie mit dem Thema umgeht. Es kommt einem so vor, als ob es da draußen nur noch um Entscheidungen ginge und oftmals wünschen wir uns das normale Leben zurück. Beim genauen Nachdenken müssen wir allerdings feststellen, dass das ganze Leben und somit jeder Tag voller Entscheidungen ist. Oft nimmt man diese in mancher Hinsicht nicht mehr wirklich wahr.

So ist es auch bei mir in einem Handballspiel gewesen. 60 Minuten lang werden viele Entscheidungen getroffen. Sei es von dem Trainer, den Schiedsrichtern aber vor allem von den Spielern. Für mich ist das oft kein bewusster Prozess, weil diese Entscheidungen aus der Intuition herauskommen. Als Spielmacher auf der Position Rückraum-Mitte habe ich viele Ballkontakte und treffe regelmäßig Entscheidungen, die zu Erfolg oder Misserfolg der Mannschaft führen können. Oft habe ich dazu nur wenig Zeit. Ein Handballspiel dauert 60 Minuten.

Kürzlich hat mir jemand erzählt, er habe analysiert, wie lange ich den Ball in einem Spiel tatsächlich in der Hand halte. Es sind gerade einmal zwei bis fünf Minuten. Das ist nicht viel. Wenn man nun die Anzahl an getroffenen Entscheidungen berücksichtigt, merkt man, in welchen Bruchteilen diese getroffen werden. Meine Frau wäre sicher glücklich, wenn ich die schnelle Entscheidungsfindung aus meinem Sport in unseren privaten Alltag integrieren könnte. Denn dort kann das deutlich länger dauern.

Ich habe mich entschieden

Die Zeit, die uns zur Verfügung steht, wollen wir nutzen, um möglichst die richtige Entscheidung zu treffen. Wir wägen ab, überlegen hin und her, bis irgendwann alle Fakten auf dem Tisch liegen und wir eine Entscheidung treffen. Im letzten Jahr musste und wollte ich weitreichende Entscheidungen treffen und habe dies auch getan. Ich habe mich entschieden, meine Karriere nach 17 Jahren zu beenden – und ja, es ist mir nicht leichtgefallen. Viele kamen auf mich zu und meinten, es sei die richtige Entscheidung, andere wiederum betonten, ich sei doch noch viel zu jung, um aufzuhören. Ich traf meine Entscheidung nicht auf der Basis richtig oder falsch, sondern womit ich mich in meiner aktuellen Lage und den Gedanken zu meiner beruflichen und privaten Zukunft am besten fühlte. Ob es richtig oder falsch war, lässt sich erst im Anschluss analysieren.

Selbst nachdem feststand, dass die Saison der Handball Bundesliga aufgrund der Corona-Krise abgebrochen und damit auch meine Karriere vorzeitig enden würde, kam erneut die Frage auf, ob ich nun weiterspielen wolle. Ich könne ja meine Karriere nicht so beenden wollen. Das sei nicht das “perfekte” Ende. Aber gibt es das überhaupt?

Soll ich oder soll ich nicht?

Doch dies war nie eine Option für mich. Warum? Ich habe zu einem Zeitpunkt eine Entscheidung getroffen. In diesem Moment nahm ich von der Alternative – weiter machen – bewusst Abschied. Ich habe nach dieser Entscheidung jedes Spiel, bei dem ich auf dem Spielfeld stand, genossen. Meine schwere Knieverletzung im letzten Jahr hatte mir ebenfalls klar gemacht, dass eine erneute Verletzung meine Karriere frühzeitig beenden würde. Das Risiko ging ich jeden Tag ein. Natürlich kann man noch einmal umdenken, aber das wäre nicht konsequent und spiegelt die vielen inneren Stimmen wider, die in einem sind. Ich bezeichne sie als “innere Mitspieler”.

Jeder kennt die Situation: Soll ich oder soll ich nicht? Hätte ich nur… Jeder besitzt viele “innere Mitspieler”, die einem in solchen Situationen den Weg weisen wollen und mit denen man umzugehen lernen muss. Besitzt man eine klare Vorstellung von dem, was man mit einer Entscheidung erreichen möchte, werden bestimmte Stimmen immer klarer und es entwickelt sich eine gewisse Persönlichkeit, welche sich in unserem Charakter widerspiegelt.

Genau diese Erkenntnis habe ich auch auf dem Spielfeld gemacht: Je mehr Zeit man für eine Entscheidung hat, umso mehr kommt man ins Überlegen und Abwägen und lässt vielleicht zu viele Informationen einfließen. Die “inneren Mitspieler” melden sich zu Wort. Die realen Mitspieler kommen auf einen zu und wollen Einfluss nehmen. Zusätzlich gibt der Trainer von der Seitenlinie auch noch einen Impuls. Und das alles in wenigen Augenblicken. Solche Situationen kennen Sie vielleicht auch aus dem Alltag oder dem Beruf. Auf was verlasse ich mich also? Auf das, was ich mir über Jahre der Erfahrung angeeignet habe, weshalb ich eben oftmals nicht mehr lange darüber nachdenken muss. Auf den “starken, inneren Mitspieler” in mir. Entscheidungen zu treffen, diese anzunehmen oder oft auch hinzunehmen ist ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg, Entscheidungen intuitiv zu treffen. Ich habe mit Sicherheit nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen, wichtig ist nur, die richtigen Erkenntnisse daraus zu ziehen.

Dabei wünsche ich Ihnen viel Erfolg.
Ihr Martin Strobel

Martin Strobel Handballer
Martin Strobel ist deutscher Handballspieler (HBW Balingen-Weilstetten) und fiel 2019 bei der Weltmeisterschaft nach einer schweren Knieverletzung im Hauptrundenspiel aus.

Bilder: © Marco Wolf

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Die Redaktion der Grundl Leadership Institut schreibt über verschiedene Facetten von Führung wie Führungsverantwortung und systematische Menschenentwicklung. Das Redaktionsteam transferiert in den Beiträgen relevante Managementlehren in die Praxis und greift damit wirkungsvoll den Leading Simple©-Gedanken des Grundl Leadership Institut auf: Menschen fördern – mit System.

Der intensive Austausch mit Boris Grundl und den Trainern des Grundl Leadership Institut liefert kontinuierlich neue Impulse, einzelne Aspekte von Führung zu beleuchten und Handlungsempfehlungen aufzuzeigen.

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