Die Kraft der Unterscheidungen

Wie viele Schneesorten kennen Sie? Mir fallen nur Firn, Pulver- und Pappschnee ein. Deren Beschaffenheit? Da habe ich nur vage Vorstellungen. Eine schwache Fähigkeit zu differenzieren. Eine mangelhafte Kompetenz. Wie viele Schnee-Unterscheidungen kennt dagegen ein Skipräparator bei der Vierschanzentournee? Oder ein Bergführer am Matterhorn? Oder um wie viel besser liest ein Profigolfer die beeinflussenden Wetterverhältnisse beim Abschlag als ein Hobbygolfer?

Das Motiv zur hohen Kompetenzstufe ist bei der Vierschanzentournee und beim Profigolfer sicher „durch Höchstleistung zum Sieg“. Am Matterhorn hilft die Unterscheidungsqualität beim Überleben. Das führt uns zur Frage:

Was hilft uns eigentlich in unserem Alltag beim Überleben?

Welche Unterscheidungen sorgen für Orientierung in einer Welt, die ständig an Schnelligkeit und Komplexität zunimmt? Die Antwort: Die Wetterlesekompetenz im Hochgebirge entspricht der mentalen Differenzierungskompetenz in unserer modernen Welt. Was mit der Qualität der Unterscheidungen gemeint ist, lässt sich wunderbar am Beispiel von „verurteilen“, „beurteilen“ und „bewerten“ verdeutlichen.

Bewerten…

Bewerten“ heißt, den Wert von etwas feststellen. Dazu bedarf es meist intensiven Nachdenkens, Lernens oder Forschens. Ein Herzchirurg hat durch Gelerntes und Erfahrung hoffentlich eine hohe Unterscheidungskompetenz in seinem Fachbereich. Deswegen kann er das Gesundheitslevel eines Herzens kompetent und differenziert bewerten. Wer also den tatsächlichen Wert von etwas erfassen will, braucht die dafür notwendige Kompetenz.

Beurteilen…

Beurteilen“ heißt, ein Urteil fällen mit zwei Unterscheidungen: schwarz oder weiß, gut oder böse, „kenne ich“ oder „kenne ich nicht“, „mag ich“ oder „mag ich nicht“. Wie das funktioniert, erleben wir jeden Tag am „Daumen hoch“ und „Daumen runter“ in den sozialen Netzwerken. Dass es hier eher um Befindlichkeiten geht, als um den Wunsch, den Wert von etwas festzustellen, dürfte klar sein. Nachdenken ist eben anstrengend. Und schnelles Beurteilen schafft sofort Ruhe im Gehirn.

Verurteilen…

Verurteilen“ ist leider eine Untugend, die mit Abstand am meisten verbreitet ist. Sie sucht nach Vorwurfsgründen gegen andere. Warum? Um sich durch Vorurteile (im Vorfeld Verurteilte) über andere zu erheben. Ob am Stammtisch Politiker und Wohlhabende runtergezogen werden. Ob die Chefrunde Mitarbeiter pauschal als unfähig abstempelt oder ob die Masse über Flüchtlinge herzieht: Das Muster ist immer das Gleiche. Durch die Abwertung anderer wird Selbstaufwertung erhofft. Doch die Wirkung ist kürzer als bei einem Rausch, und die Droge muss in regelmäßigen Zyklen nachgeliefert werden. Was wir davon haben? Auf der einen Seite wieder den Vorteil schneller Ruhe im Gehirn, auf der anderen aber schwache Orientierung, die uns manipulierbar macht.

Waren Sie schon einmal so richtig verliebt?

Ein weiteres Beispiel? In jeder menschlichen Verbindung, egal wie flach oder tief, gibt es Trennendes und Verbindendes. Waren Sie schon einmal so richtig verliebt? Hals über Kopf und Schmetterlinge wie wild im Bauch? Nehmen Sie dann wahr, was Sie mit dem anderen verbindet oder trennt? Sicher das Verbindende. Ein paar Monate später kann es ganz anders aussehen. Oft steht dann das Trennende im Fokus. Reife Menschen wissen, dass es in Beziehungen immer Verbindendes und Trennendes gibt. Was sich ändert, ist unser Bewusstsein und worauf es sich ausrichtet. Kluge Menschen lernen, das Verbindende und Trennende zu sehen und konzentrieren sich dann auf das, was verbindet. Das ist Champions League.

Vielleicht spüren Sie es jetzt: Wenn wir lernen, durch kluge Unterscheidungen differenziert zu bewerten, lösen wir Entwicklungsschübe bei uns selbst und anderen aus. Denken ist ein großartiges Freiheitsinstrument, wenn es uns mit ihm gelingt, das Klügste aus der Welt zu ziehen, selbst, wenn es uns im ersten Impuls zu anstrengend erscheint. Und das ist clever. Sehr clever.

Grundls Gründe: Die Europäische Union

Wollen Sie mehr über die Kraft der Unterscheidungen erfahren? Mehr über die Frage, was Menschen verbindet und was sie trennt? Und was der Geisteszustand dabei für eine Rolle spielt? Am Beispiel der Europäischen Union erkläre ich in meinem neuen Video „Die Europäische Union – Verbindendes und Trennendes“, dass auf die Anfangsenergie meist die Entdeckung kritischer Faktoren folgt. Und neben dem Verbindenden oft plötzlich das Trennende im Fokus steht.

Bildquelle: ©pixabayHans

Über den Autor

Boris Grundl
Boris Grundl

Boris Grundl durchlief eine Blitzkarriere als Führungskraft und gehört als Führungsexperte und mitreißender Kongress-Redner zu Europas Trainerelite. Er ist Management-Trainer, Unternehmer, Autor sowie Inhaber des Grundl Leadership Institut.

Boris Grundl perfektionierte die Kunst, sich selbst und andere auf höchstem Niveau zu führen. Er ist ein gefragter Referent, Gastdozent an Universitäten und erforscht das Thema Verantwortung (www.verantwortungsindex.de). Seine Referenzen bestätigen seine Ausnahmestellung unter den Spitzen-Referenten. Keinem wird eine so hohe Authentizität und Tiefgründigkeit bescheinigt. Er redet Klartext, bleibt dabei stets humorvoll und bringt die Dinge präzise auf den Punkt. Boris Grundl ist als prominenter Experte gern gesehener Gast und Protagonist in Fernsehen und Radio (u.a. ARD, ZDF, WDR, MDR, 3sat, SWR, RBB, FFH). In Großvorträgen gibt er Schülern wegweisende Impulse für ein eigenverantwortliches Leben. Boris Grundl ist „der Entwickler“ (Harvard Business Manager). Starke Rede – tiefer Sinn.

Sein Grundl Leadership Institut befähigt Unternehmen, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden. Aus der Praxis für die Praxis. Die Akademie macht mit der Menschenentwicklung dort weiter, wo die meisten Managementlehren aufhören. Menschen fördern – mit System.

Mehr Informationen unter www.grundl-institut.de.

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