Der Charakter zählt

„Stärke entspringt nicht physischer Kraft, sondern einem unbeugsamen Willen.“ So wird Mohandas Karamchand Gandhi zitiert. Die Inder nennen ihn ehrfurchtsvoll „Mahatma“, die „große Seele“. Was für ein Beispiel für Charakterstärke. „Der Preis der Größe heißt Verantwortung“, soll Winston Churchill gesagt haben. Gemeinsam bilden beide Sätze für mich eine tolle Kette der Charakterschule: Wille – Verantwortung – Stärke – Größe.

Natürlich kann und will nicht jeder ein neuer Gandhi oder Churchill sein – doch nun fragen wir uns:

Was macht eine kluge Charakterschule aus?

Steigen wir einfach mit den beiden Extrempolen „Starrsinn und Wankelmut“ ein. Wie ein Terrier verbeißt sich der Sture in seinen Standpunkt, ganz egal, wie die Umstände und Folgen sind. Wer argumentativ den Wind kluger Veränderung sät, wird Sturm ernten. Das Gegenbeispiel liefert manch charakterschwacher Darsteller der Politik: Er wechselt seine Meinungen schneller als ein Chamäleon die Farbe. Dieser aalglatte Strippenzieher schließt Bündnisse je nach Stimmung und Windrichtung. Doch egal, ob Bulldozer oder Everybody‘s Darling: Beide Extreme lassen Menschen ausbluten.

Längst ist das Strippenziehertum auch in der Wirtschaft anzutreffen. Früher sollten Führungskräfte forsch vorwärts gehen, Chancen erkennen, Fehler machen, lernen und schließlich gewinnen. Heute sichern sie sich lieber gegen Fallstricke ab. Denn der Druck, keine Fehler zu machen, hat extrem zugenommen. Konkurrenzkampf und Veränderungsgeschwindigkeit sind enorm. Gesetze und eine strenge Compliance-Kultur sorgen dafür, dass man bei Fehlern noch viele Jahre belangt werden kann. Das ist auch gut so. Charakterschwache Führungskräfte allerdings versuchen, schon im Vorfeld möglichen Versagens durch „die Fahne im Wind“ aus der Schusslinie zu kommen. Absicherungsstreben schlägt Chancenstreben.

Aktive und passive Verantwortung

Was lernen wir daraus? Eine Unternehmenskultur wird zuerst durch das Verhalten der Führung sichtbar und dann bei den Mitarbeitern. Das bedeutet: In charakterarmen Organisationen dominiert die passive Verantwortung. Charakterstarke Organisationen leben aktive Verantwortung. Passive Verantwortung wartet auf Aufforderung. In ihr regiert eine informelle Dynamik von Cliquen, die weniger in Unternehmenszweck und Kundenwerten denken, sondern primär den eigenen, begrenzten Vorteil sehen. Das Verhalten ist rechtfertigend und jedem Eigenrisiko vorbauend. Aktive Verantwortung wird umgekehrt gelebt: Sie wird von sich aus gesucht, gefunden, besprochen, definiert und sinnvoll aufgeteilt.

Die Extreme „Starrsinn und Wankelmut“ sind abzulehnen. Doch sie helfen beim Verstehen. Wird aktive Verantwortung extrem, kann sie in Starrsinn enden. Manch genialer Gründer endet im Alter leider dort. Was in gesunder Dosis hervorragend wirkte, wird als Überdosis tödlich. Auch die passive Verantwortung hat wohldosiert Sinn. Denn wer ständig die Hand hebt, wird gerne ausgenutzt. „Die Dosis macht das Gift“, sagte schon Paracelsus zu Recht.

Wehe, das Pendel schwingt in die andere Richtung

Ganz klar: Unternehmen mit charakterstarken Menschen sind kundenorientierte Ergebnisfabriken mit Erfolgsgarantie. Aktive Verantwortung überwiegt die passive. Mitarbeiter übernehmen Aufgaben meist selbst, statt sie sich aufs Auge drücken zu lassen, weil sie sich nicht schnell genug geduckt haben. Beide Formen der Verantwortung sind wichtig! Doch je größer die Organisation, desto leichter dominiert das Passive. Darin liegt die Gefahr der Charakterschwäche. Es ist kein Entweder-Oder, sondern ein „Was ist verbreiteter?“. Sind 70 Prozent aktiv und 30 passiv, ist alles in Ordnung. Doch wehe, das Pendel schwingt in die andere Richtung. Dann regiert die organisierte Unverantwortlichkeit.

Unterm Strich: Übernehmen Sie weder zu viel noch zu wenig Verantwortung: 70 zu 30. Sorgen Sie dafür, dass genügend andere dieses Prinzip verstehen und anwenden. Das ist eine Kultur, in der Spitzenkräfte gerne arbeiten.

Ihr Boris Grundl

Bildquelle: © Antranias Pixabay

Über den Autor

Boris Grundl
Boris Grundl

Boris Grundl durchlief eine Blitzkarriere als Führungskraft und gehört als Führungsexperte und mitreißender Kongress-Redner zu Europas Trainerelite. Er ist Management-Trainer, Unternehmer, Autor sowie Inhaber des Grundl Leadership Institut.

Boris Grundl perfektionierte die Kunst, sich selbst und andere auf höchstem Niveau zu führen. Er ist ein gefragter Referent, Gastdozent an Universitäten und erforscht das Thema Verantwortung (www.verantwortungsindex.de). Seine Referenzen bestätigen seine Ausnahmestellung unter den Spitzen-Referenten. Keinem wird eine so hohe Authentizität und Tiefgründigkeit bescheinigt. Er redet Klartext, bleibt dabei stets humorvoll und bringt die Dinge präzise auf den Punkt. Boris Grundl ist als prominenter Experte gern gesehener Gast und Protagonist in Fernsehen und Radio (u.a. ARD, ZDF, WDR, MDR, 3sat, SWR, RBB, FFH). In Großvorträgen gibt er Schülern wegweisende Impulse für ein eigenverantwortliches Leben. Boris Grundl ist „der Entwickler“ (Harvard Business Manager). Starke Rede – tiefer Sinn.

Sein Grundl Leadership Institut befähigt Unternehmen, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden. Aus der Praxis für die Praxis. Die Akademie macht mit der Menschenentwicklung dort weiter, wo die meisten Managementlehren aufhören. Menschen fördern – mit System.

Mehr Informationen unter www.grundl-institut.de.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie können folgende HTML-Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>