Bei sich selbst sein für wirkungsvolles Führen

Ich stelle in meiner Arbeit in Unternehmen und Organisationen immer häufiger fest, dass der Wunsch nach wirkungsvoller Führung und Orientierung wächst. Viele Unternehmen wollen Menschen mit Ecken und Kanten, eine Führungskraft, die vorangeht, Entscheidungen trifft, Verantwortung übernimmt, klar und konsequent kommuniziert, aber auch gleichzeitig die Mitarbeiter und deren Entwicklung nicht aus den Augen verliert. Selbst nach der Europameisterschaft in Frankreich und dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft im Halbfinale diskutieren die „Fernsehexperten“, dass die Führung innerhalb der deutschen Mannschaft ausbaufähig ist: Es fehlen Fußballer vom Kaliber Effenberg und Kahn, alles ist zu nett und zu harmonisch, und ein Boateng, der das Zeug zum Führungsspieler hat, ist in dieser Rolle erst am Anfang und häufig verletzt.

Woher kommt bei den Menschen dieser tiefe Wunsch nach Führung, Klarheit und Orientierung?

Aus meiner Sicht ist es ein fundamentaler Unterschied, einfach nur Führungskraft zu sein oder wirklich zu führen (das Tun). Bei Ersterem handelt es sich um hochbezahlte Sachbearbeiter, die beim Versuch, das Tages- und Projektgeschäft mit der Mitarbeiterführung unter einen Hut zu bringen, tagtäglich scheitern. Die meisten Führungskräfte sind durch erfolgreiche Projektarbeit in ihre neue Position gekommen und genießen den Status, der mit der Beförderung einhergeht. Nun gilt es, die Projektarbeiten und das Tagesgeschäft nach und nach loszulassen, um sich mehr um tatsächliche Führung und um wenige wichtige strategische Themen zu kümmern. Wird dies (bewusst oder unbewusst) nicht gemacht, ist das Scheitern als Führungskraft quasi vorprogrammiert. Da die meisten Führungskräfte zu wenig wirklich führen, wird in deren Umfeld, also bei Mitarbeitern und Kollegen, der Wunsch nach Führung und Orientierung immer größer.

Die Gesellschaft hat häufig das Bild, dass Führungskräfte viel Zeit für die Führung von Menschen und für die strategische Ausrichtung einer Organisation haben. In der Praxis stellen wir Trainer jedoch zu oft das Gegenteil fest. Je höher eine Führungskraft steigt, desto mehr Besprechungen, E-Mails, Projektsitzungen etc. sind zu absolvieren und desto weniger wird tatsächlich geführt. Die Führungskräfte sind dabei häufig stark im Außen, also bei den täglichen Nachrichten, Meetings und so weiter. Sie sind zu wenig bei sich selbst. Das Ergebnis liegt auf der Hand: Schwache Führungskräfte, die gleichzeitig starke aber überbezahlte Sachbearbeiter bleiben.

Potenziale voll ausschöpfen

Die Führungskraft wird somit niemals die Beste, die sie sein könnte und entwickelt daher die Mitarbeiter auch nicht dahin, die Besten zu werden, die diese sein könnten. Gerade das ist die eigentliche Kernaufgabe – Führungsschwäche quasi vorprogrammiert. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, ich halte absolut nichts von einer Führungskraft, die immer stark tut und keine Schwächen zugibt. Im Alltag haben jene Führungskräfte die größte Wirkung, Kraft und Einflussnahme, die konsequent bei sich selbst sind. Aus diesem Grund appellieren die Trainer der Grundl Leadership Akademie bei Führungskräften sehr stark zum Weglassen und Reduzieren von Unwichtigem. Nur so können sie sich auf wenige, aber absolut wichtige Führungsprinzipien und deren konsequente Umsetzung fokussieren.

Apropos bei sich selbst sein. Das ist aus meiner Sicht eines der wichtigsten Phänomene unseres Zeitalters – nicht nur für Führungskräfte. Überall erlebe ich Menschen, die nicht bei sich selbst sind. Diese Menschen sind überall – im Internet, auf ihrem Smartphone, in Besprechungen unterwegs, aber niemals bei sich selbst. Die Königsdiziplin der Führung lautet: Den Alltag mit seinen Herausforderungen meistern und sich dabei häufig (anhand systematisierter Rituale und Gewohnheiten) zu sich selbst zurückholen. Meine Frage an Führungskräfte lautet da immer: Welche Rituale und Gewohnheiten praktizieren Sie, um sich zu sich selbst zurückzuholen? Je besser Sie das können, desto wirkungsvoller sind Sie. Eine enorm unterschätzte Kompetenz!

Bei sich selbst zu sein, heißt nicht, das Ego in übertriebenem Maße bis zur Unendlichkeit aufzublasen und sich dabei andauernd über andere Menschen zu stellen. Die Ursache dieses tendenziell narzisstischen Verhaltens wird von einer Angst befeuert und bringt den Menschen eher von sich selbst weg.

Vom Ich zum Wir – zuerst bei mir selbst dann bei anderen

Der ein oder andere Leser wird jetzt sicherlich anmerken: Gut, Ihren Ideen stimme ich ja zu, aber wie lässt sich das Ganze umsetzen? Ich möchte Ihnen hierzu noch zwei Prinzipien mitgeben, die Ihnen helfen, häufiger bei sich selbst zu sein.

Prinzip 1: Vom Ich zum Wir

Entwickeln Sie ein starkes Ich. Ja, Sie haben richtig gehört. Entwickeln Sie ein starkes, aber kein überzogenes Ich. Nur wenn Führungskräfte ein starkes Ich haben, können diese das Wohl anderer, also der Mitarbeiter weiterentwickeln. Ohne starkes Ich kein starkes Wir. Fördern Sie beides. Dies gelingt am besten, wenn Sie Ihr Selbstvertrauen und ihren Selbstwert kontinuierlich weiterentwickeln.

Prinzip 2: Zuerst bei mir selbst, dann bei anderen         

Nur wenn ich als Führungskraft bei mir selbst bin und gewisse Führungsprinzipien bei mir anwende (Säule 1: Wie führe ich mich selbst?), kann ich dies auch von meinen Mitarbeitern einfordern. Nur wenn ich als Führungskraft Verantwortung übernehme, ergebnisorientiert arbeite, mein Selbstvertrauen und das Vertrauen in andere Menschen aufbaue und meine Stärken kontinuierlich weiterentwickle, kann ich dies auch von meinem Umfeld verlangen und einfordern!

Fragen für die erfolgreiche Umsetzung:

  • Welche Rituale und Gewohnheiten praktizieren Sie, um sich (z.B. in stressigen Phasen) zu sich selbst zurückzuholen?
  • Wie kann ich im Alltag häufiger bei mir selbst sein bzw. aus mir selbst wirken?
  • Wie können Sie ihr Selbstvertrauen und ihren Selbstwert kontinuierlich erhöhen? Was hilft Ihnen dabei?
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Bildquelle: © enishirotie Fotolia.com #70885122

Über den Autor

Grundl Leadership Institut

Die Redaktion der Grundl Leadership Institut schreibt über verschiedene Facetten von Führung wie Führungsverantwortung und systematische Menschenentwicklung. Das Redaktionsteam transferiert in den Beiträgen relevante Managementlehren in die Praxis und greift damit wirkungsvoll den Leading Simple©-Gedanken des Grundl Leadership Institut auf: Menschen fördern – mit System.

Der intensive Austausch mit Boris Grundl und den Trainern des Grundl Leadership Institut liefert kontinuierlich neue Impulse, einzelne Aspekte von Führung zu beleuchten und Handlungsempfehlungen aufzuzeigen.

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