Spitzenleistung versus Durchschnittlichkeit – ein Widerspruch?

Im letzten Herbst habe ich unseren Akademieleiter Atilla Vuran zu einem Impulsvortrag nach Heidelberg begleitet. Er hat dort auf dem Führungskongress einen Impulsvortrag über Veränderungsprozesse, Transformation und Menschenführung in Unternehmen gehalten und an einer Podiumsdiskussion mit Experten aus verschiedenen Disziplinen aus Führung und Beratung teilgenommen.

Am zweiten Tag referierte der Benediktinermönch Anselm Grün auf diesem Kongress. Sein Thema: Werte und maßvoll leben bzw. die Kunst, das richtige Maß zu finden. Diese Thema übt eine große Faszination auf mich aus, nicht zuletzt weil wir in der Akademie mit unserer ersten „Führungssäule“ Wie führe ich mich selbst? Auch immer wieder mit dieser Fragestellung beschäftigt sind.

Anselm Grün zeigte auf, dass heutzutage viele Menschen überhöhte Bilder von sich selbst haben und sich aufgrund dieser maßlosen Ansprüche häufig minderwertig fühlen. Dieses Minderwertigkeitsgefühl führt dann zu Selbstablehnung. Doch woher kommen diese maßlosen Ansprüche? Der Pater sieht die Ursache in einem geringen Selbstwert und einer daraus resultierenden Selbstentwertung.

Auch im Coaching erlebe ich hin und wieder, dass Führungskräfte Enttäuschungen erleben und Unzufriedenheit äußern, weil ihre großen Selbstbilder bzw. die zu hohen Erwartungen an sich selbst nicht mit der Realität übereinstimmen. Dennoch halten diese Führungskräfte unermüdlich an den überhöhten Bildern fest und nehmen es in Kauf, dass es ihnen dadurch schlecht geht. Die eigene Grandiosität – immer und in allem etwas Besonders sein zu wollen – ist einfach verlockender, als der klare und scharfe Blick auf die eigenen blinden Flecken. Sinnvoller wäre es sicherlich, diese großen Selbstbilder schrittweise loszulassen und sich selbst und die eigene Durchschnittlichkeit so anzunehmen, wie sie ist, mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen. Das ist einfach gesagt, in der Umsetzung aber nicht leicht!

Die eigene Durchschnittlichkeit annehmen

Wer erkennt schon gerne an, dass er in einem gewissen Bereich seines Lebens einen äußerst geringen Selbstwert hat und somit ein „kleines Würmchen“ ist? Ich kenne wenige Menschen, die das tun und damit die eigene Transformation einleiten. Leider noch viel zu Wenige. Das Erkennen ist für die wirkungsvolle Veränderung aber die Grundvoraussetzung.

Anselm Grün veranschaulichte, dass die Menschen irgendwann mit der Wahrheit und mit ihrer eigenen Durchschnittlichkeit konfrontiert werden, wenn sie bereit sind, dort hinzuschauen. Aus seiner Sicht tut es nicht gut, jahrelang über das eigene Maß zu leben und sich in der eigenen Grandiosität mit maßlosen Bildern aufzuladen.

Ein äußerst prominentes Beispiel dieses Phänomens war Michael Jackson. Wissen Sie, welches weltweit das erfolgreichste (an den Verkaufszahlen gemessen) Musikalbum ist? Es ist das Album „Thriller“ von Michael Jackson aus dem Jahr 1982. Das Album rangiert bis heute mit ca. 65 Mio. verkauften Tonträgern auf Platz 1. In einem Interview kurz nach diesem „Weltrekord“ prahlte Michael Jackson, dass das erst der Anfang seines Erfolgs sei und viele weitere Alben mit noch deutlich besseren Absatzzahlen folgen werden. Weit gefehlt! Auch nach 34 Jahren ist „Thriller“ das meistverkaufte Album weltweit. Was das überhöhte Anspruchsdenken und der überzogene Zielehorizont mit dem Leben des Popstars gemacht haben, hat die Geschichte gezeigt. (http://www.welt.de/print/wams/wirtschaft/article142441975/Die-Michael-Jackson-Falle.html)

Ich habe mir nach dem Vortrag von Anselm Grün wirklich Gedanken gemacht, wie es auf der einen Seite möglich sein kann, die eigene Durchschnittlichkeit anzunehmen und zu akzeptieren, auf der anderen Seite aber trotzdem Spitzenleistung zu erzielen. Anfangs wurde daraus noch kein Schuh für mich.

Wie kann ich mich heutzutage als durchschnittlich bezeichnen, wo doch überall von Elite, Spitzenleistung und Championsleague gesprochen wird? Oder wollen Sie ein durchschnittliches Auto? Einen durchschnittlichen Chef, oder noch besser, einen durchschnittlichen Partner? Wohl kaum. Bei einer bevorstehenden Knieoperation wenden Sie sich ja sicherlich eher an einen Kniespezialisten mit hervorragenden Ergebnissen in seinem Feld, anstatt einen Allgemeinchirurgen mit wenig Knie-Expertise mit zu konsultieren.

Wie passen Schwächen und Durchschnittlichkeit mit Spitzenleistung zusammen?

In der Summe sind alle Menschen durchschnittlich. Der eine Mensch ist im Kopfrechnen top, dagegen hat er gewisse Defizite in der Menschenführung. Der nächste ist kommunikativ äußerst stark, hat aber eine Schwäche, Projekte abzuschließen. Jeder Mensch hat also große Stärken und zugleich große Schwächen – das vereint alle Menschen. Aber im Umgang mit diesen Stärken und Schwächen, da trennt sich für mich die Spreu vom Weizen. Wenn ein Mensch im Kontext seiner Talente achtsam ist, diese erkennt, zu Stärken ausbaut und kontinuierlich hart an diesen Stärken arbeitet und sich weiterentwickelt, wird er mit höherer Wahrscheinlichkeit irgendwann etwas Großes vollbringen und womöglich sogar Spitzenergebnisse erzielen. Und: Trotz dieser Spitzenergebnisse ist und bleibt dieser Mensch in Summe Durchschnitt – weil er ja große Stärken und auch große Schwächen hat. Somit ist Durchschnittlichkeit als Mensch und die gleichzeitige mögliche Spitzenleistung im Kontext der jeweiligen Talente und Stärken kein Widerspruch.

Hier 7 Schritte zur erfolgreichen Umsetzung der Gedanken dieses Blogartikels:

  1. Sich selbst annehmen: mit den eigenen Talenten und Stärken, aber auch mit den eigenen Schwächen
  2. Realistische Ziele setzen: nicht zu hoch und nicht zu niedrig
  3. Eigene Durchschnittlichkeit und Begrenztheit akzeptieren, trotzdem seine Talente kontinuierlich verbessern, weiterentwickeln und zu Stärken ausbauen
  4. Im Kontext der eigenen Stärken: Was ist der nächste Lern- bzw. Entwicklungsschritt?
  5. Sich beruflich immer mehr in Richtung der eigenen Talente und Stärken entwickeln und Verantwortung in diesen Bereichen übernehmen
  6. Der Beste werden, der ich sein kann (im Kontext meiner Stärken)
  7. Immer diszipliniert, demütig und dankbar sein

Aus meiner Erfahrung im Training und Coaching weiß ich, dass die wirklich erfolgreichen Führungskräfte und Menschen oft gar nicht glauben, dass Sie etwas Besonderes sind. Häufig ist es ihnen auch egal. Viele leisten deshalb so Erstaunliches, weil sie von kleinen kontinuierlichen Verbesserungsschritten motiviert sind. Sie glauben einfach fest daran, dass sie sich Schritt für Schritt weiterentwickeln können und tun das dann auch konsequent. In eine Metapher übersetzt: Nicht in einem einzigen Schritt sofort auf den Mount Everest hinauf, sondern eine kontinuierliche Entwicklung von Basislager zu Basislager. Getreu dem Motto: Der Weg ist das Ziel.

Es gibt nur einen Lionel Messi, aber 10 Millionen Jungs, die auf staubigen Plätzen Bällen hinterherlaufen… und die nicht treffen. Es gibt nur einen Robbie Williams, aber Tausende von Männern und Frauen, die sich vor Dieter Bohlen und dem Fernsehpublikum lächerlich machen. Wir Menschen machen uns das Leben selbst schwer, indem wir in jedem Lebensbereich erfolgreich oder besonders sein wollen. In Wirklichkeit ist es doch so, dass nur Wenige den Sprung nach ganz nach oben schaffen. Denn es ist enorm harte Arbeit und erfordert viel Verzicht, seine Talente und Stärken in einem Kontext auf „Weltklasseniveau“ zu entwickeln. Sind Sie wirklich bereit, den Preis dafür zu bezahlen? Vorbilder sind gut, um in gewissen Bereichen von ihnen zu lernen. Aber es ist niemals sinnvoll, einen Menschen komplett zu kopieren. Warum? Weil Sie sonst das beste Original verpassen, nämlich sich selbst!

Der Fokus auf den nächsten Schritt

Bei einem unserer offenen „Leading Simple“-Seminare in Donaueschingen hatte ich der Mittagspause mit einem Teilnehmer ein interessantes Gespräch. Der Teilnehmer konfrontierte mich mit einer spannenden Frage: „Herr Rascher, wie ist es eigentlich für Sie als Trainer unter so einer Führungskoryphäe wie Boris Grundl zu arbeiten. Da wissen Sie doch eigentlich schon von vorneherein, dass Sie diesen Erfolg und diese Ergebnisse niemals erreichen werden. Das ist doch einmalig, dass man solche Massen bewegen kann“. In dem Moment musste ich innerlich schmunzeln und erinnerte mich an die Worte von Anselm Grün. Früher, als ich mir meiner Durchschnittlichkeit noch nicht so bewusst war, hätte ich wahrscheinlich mit einer Verteidigung („Ja, Sie haben Recht… das ist echt unmöglich“) geantwortet oder wäre direkt in den Angriff („Woher wollen Sie das wissen?“) übergegangen. Heute habe ich eine souveränere Haltung dazu gewonnen: „Jeder Mensch, Sie und ich, hat seinen eigenen nächsten Schritt in der persönlichen Entwicklung. Auf diesen nächsten Schritt fokussiere ich mich. In welchen Ergebnissen das Ganze dann in ein paar Jahren mündet, kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. Und es ist mir zum jetzigen Zeitpunkt auch ziemlich egal. Ich fokussiere mich auf den nächsten Schritt und erfreue mich daran, dass ich auf dem richtigen Weg bin, was nicht selbstverständlich ist. Alles andere ist egal.

Falls Sie Interesse daran haben, Ihre eigene Selbstführung (Säule 1: Wie führe ich mich selbst?) zu reflektieren und neue Impulse für Ihre Stärken und Talente zu bekommen, dann sei Ihnen das Selbstführungsseminar Steh auf!  wärmstens empfohlen.

Ich freue mich auf spannende Diskussionen mit Ihnen,

Ihr Johannes Rascher

 

Über den Autor

Johannes Rascher
Johannes Rascher

Seit 2012 ist Johannes Rascher Senior Trainer der Grundl Leadership Akademie.

Auf seinem Lebensweg erlebte er bis dahin einige kleinere, aber auch sehr große Krisen. Damals fand er keine Antwort darauf. Er wusste nur: Entweder leiden oder wachsen. Die Entscheidung fiel schnell: Er wollte wachsen.

Bei der Suche nach effizienter, persönlicher Weiterentwicklung stieß Johannes Rascher auf Boris Grundl und die Grundl Leadership Akademie. Begeistert von dessen Konzepten und Ansätzen begann er, an sich zu arbeiten und entwickelte sich weiter. Die Antworten, die er fand, motivierten ihn dazu, sich immer besser selbst zu führen. Das bewirkte schließlich auch den Wunsch als Trainer und Führungsexperte eine solche Transformation bei anderen Menschen auszulösen.

Johannes Raschers Leitsatz: Starke Menschen, starke Führungskräfte, starke Ergebnisse!

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