Kompetenz und die vier Phasen des Lernens

Machen Sie Menschen schlau, damit sie erkennen, wie inkompetent sie waren!

Menschen schätzen sich oft falsch ein

Unser System Leading Simple wird mit einem bewährten Prozess umgesetzt. Vor den einzelnen Seminarblöcken erhalten die Teilnehmer jeweils einen Fragebogen, der am ersten Abend besprochen wird. Das Formular enthält Fragen zur selbständigen Reflexion der Selbstwirksamkeit. Dabei konnten wir in den letzten Jahren immer wieder ähnliche Effekte feststellen.

  • Praktisch alle Teilnehmer erkennen während des ersten Seminarblockes einen persönlichen Nutzen und verpflichten sich auch zur Umsetzung der Verbesserungsmöglichkeiten. Sie erkennen und anerkennen ihre Defizite, sie transformieren sie aber noch nicht.
  • Bei den meisten Teilnehmern wird die Wirksamkeit während der Umsetzung von Leading Simple (Dauer ca. ein halbes Jahr) deutlich erhöht. Die Ergebnisse sind unter anderem: größere Verantwortungsübernahme, ein positiveres Betriebsklima, das Vertrauen untereinander erhöht sich, die eigenen Resultate verbessern sich.
  • Erstaunlich ist, dass gleichzeitig die Selbsteinschätzung der Wirksamkeit deutlich schlechter wird.

Woran liegt das?

Menschen lernen nicht linear, sondern von Plateau zu Plateau

Wenn wir beginnen, ein neues Musikinstrument, eine neue Fremdsprache oder eine neue Sportart zu lernen, erfolgt zuerst eine Phase der schnellen Erkenntnis. Durch alte Verhaltensmuster fallen wir aber bald leicht zurück. Dann kommen wir nicht weiter, wir erreichen das erste Plateau. Jetzt heißt es trainieren, trainieren und nochmals trainieren, bis wir die Zwischenschritte verinnerlicht haben. Durch Wiederholung prägen sich diese ein. Erst durch regelmäßig trainieren und üben erreichen wir das nächste Plateau. Einige werden wahre Experten, während andere nur den Anfängerstatus perfektionieren. Das Steckenbleiben im Lernprozess zeigt drei verschiedene Gesichter:

  • Viele gehen zu Beginn euphorisch an die neue Aufgabe heran. Dann allerdings kommt der erste Rückschlag – und mit ihm verpufft das Hochgefühl. Sie brechen unzufrieden ab.
  • Andere verharren auf dem ersten Plateau. Sie sind mittlerweile keine Anfänger mehr, und das Basiswissen reicht ihnen aus, um durchzukommen. Diese Menschen treffen ein bequemes, aber gefährliches Abkommen.
  • Wieder andere nutzen die erreichte Plateauphase nicht, um das Erlernte zu vertiefen. Kaum haben sie die eine Ebene erreicht, steigen sie weiter und weiter – bis sie ausrutschen und abstürzen.

Ein wacher Geist lässt sich von Rückschlägen nicht abbringen. Er behält seinen Weg im Auge und macht kontinuierlich weiter, egal wie anstrengend und manchmal schmerzlich das ist. Beherrscht er schließlich sein Metier, verlässt er die Routine, um seine Grenzen weiter auszudehnen.

Die vier Phasen des Lernens

David Dunning und Justin Kruger stellten fest: Menschen, die in einem bestimmten Kontext wenig Kompetenz aufweisen, überschätzen ihren Lernerfolg und sich selbst. Besonders kompetente Menschen hingegen unterschätzen ihre Leistungen und sehen sich selbst auf einer niedrigeren Position als jene, die sie tatsächlich erreicht haben. Eine mögliche Erklärung dafür könnten die von Joseph O‘Connor und John Seymour beschriebenen vier Kompetenzen des Lernens liefern.

Wir lernen alles in Teilschritten. Doch dazu müssen wir überhaupt erst erfassen, dass wir nichts wissen. Oder erkennen, dass wir noch zu wenig wissen – und entsprechend dazu lernen müssen. Man weiß nicht, was man nicht weiß. Diese Phase der unbewussten Inkompetenz ist zwar noch nicht das tatsächliche Lernen – sie geht dem aber immer voraus. Manche bleiben allerdings auch dort stecken. Nehmen wir als Beispiel das Autofahren. Als ganz kleines Kind kannte ich noch kein Auto, also konnte ich nicht wissen, dass ich kein Auto fahren kann.

Die zweite Phase ist die Entscheidende: die bewusste Inkompetenz. Wir erkennen unsere Mängel, haben aber auch eine Idee davon, wie wir diese ausgleichen können. Erst so können wir gezielt an ihnen arbeiten und dazu lernen. Auch hier wird allerdings noch nicht gelernt. Die Weiterentwicklung findet erst in der nächsten Phase statt. Wieder auf das Beispiel des Autofahrens übertragen: Ich weiß, was ein Auto ist, und mir ist bewusst, dass ich es noch nicht fahren kann.

In der dritten Phase beginnen wir zu lernen und sehen gleichzeitig erste Lernerfolge. Wir begreifen bewusst den Fortschritt von der bewussten Inkompetenz zur bewussten Kompetenz. Ein gutes Gefühl, das allerdings noch mit einigen Anstrengungen verbunden ist: Wir müssen pauken, büffeln, auswendig lernen, trainieren – immer wieder. Das kostet Energie, und wir machen hin und wieder Fehler. Ich weiß, dass ich das kann. Um beim Auto zu bleiben: Ich kann Auto fahren, muss mich aber darauf konzentrieren und eine Ablenkung könnte dazu führen, dass ich einen Unfall baue. Erst die letzte Phase bringt die eigentliche Freude.

In der vierten Phase haben wir so viel praktische Erfahrung mit den neuen Fähigkeiten gesammelt, dass sie uns in Fleisch und Blut übergegangen sind und jederzeit abgerufen werden können. Und das, ohne uns bewusst darauf konzentrieren zu müssen. Wir sind unbewusst kompetent. Was uns jetzt kinderleicht von der Hand geht, ist für andere noch eine Herausforderung. Ich habe etwas so sehr verinnerlicht, dass es keine Mühe bereitet, es aus- oder durchzuführen. Es funktioniert quasi voll automatisiert. Hier ist das Autofahren so ganz nebenbei zu bewerkstelligen, und ich überlege nicht mehr, ich tue es.

Der Durchbruch: Von der unbewussten zur bewussten Inkompetenz

Sie wissen vermutlich aus eigener Erfahrung, dass inkompetente Menschen immer wieder ihr eigenes Können überschätzen, gleichzeitig aber nicht fähig sind, das Ausmaß ihrer eigenen Inkompetenz zu erkennen. Deshalb sind sie nicht in der Lage, ihre Kompetenz zu erhöhen. Zudem unterschätzen sie die höhere Kompetenz und die besseren Fähigkeiten von anderen. Wer schlechte Leistungen bringt, kann auf diesem Gebiet auch die Leistungen anderer nicht richtig beurteilen und neigt zur Selbstüberschätzung.

Wie ist es überhaupt zu bewerkstelligen, inkompetenten Menschen die eigene Inkompetenz verständlich zu machen? Wenn Selbsterkenntnis mit Kompetenz korreliert, dann sollten Sie die Kompetenz erhöhen, um die Selbsteinschätzung näher an die realen Tatsachen zu bringen. Machen Sie Ihre Mitmenschen und Mitarbeiter in einem bestimmten Kontext schlauer, dann sind sie in der Lage, zu erkennen, wie inkompetent sie waren oder eventuell immer noch sind. Oder anders formuliert: Manchmal müssen sie Menschen erst schlau machen, damit sie für ihre Schlauheit sensibel werden.

Über den Autor

Atilla Vuran
Atilla Vuran

Seit 2003 ist Atilla Vuran Leiter der Inhouse Akademie und setzt das Führungssystem Leading Simple© in Unternehmen um.

Was ihn dazu bewegte bei der Grundl Leadership Akademie zu beginnen, waren zunehmende Schwierigkeiten während seiner Zeit als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens in der Schweiz. Damals begann Atilla Vuran, sich stärker mit dem Thema Menschen- und Unternehmensführung auseinanderzusetzen. Doch anstatt Führung zu vereinfachen, machte das Gelernte alles nur noch komplexer, und die nachhaltigen Führungserfolge blieben aus. Das änderte sich, als er im Jahr 2000 Boris Grundl kennenlernte.

Fasziniert wie dieser mit dem Thema Führung umgeht, begleitete er Boris Grundl fortan, lernte von ihm und hospitierte in Seminaren und Vorträgen. Schließlich sprang Atilla Vuran häufig als Vertretung ein, übernahm einzelne Themenblöcke und baute nach und nach die Inhouse Akademie mit auf, die er heute leitet.

Zudem entwickelte er zusammen mit Dr. Nina Harbers die interne Trainerausbildung.

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