Hamsterrad für Fortgeschrittene

Kennen Sie diese Situation, dass Sie seit Jahren fast atemlos durch das Leben rasen? Dass Sie sich immer wieder fragen, warum die Zeit so schnell vergeht und warum Sie, egal was Sie tun, einfach nie Zeit haben? Dabei kommt Ihnen in den Sinn, dass Sie vor Jahren einen Workshop für Zeitmanagement besucht und sich dazu fünf bis sechs Bücher gekauft haben, sogar eins mit dem Titel „Wie setze ich das in die Praxis um“.

Sie sind also komplett ausgerüstet und haben auch theoretische Erfahrung. Ja, Ihnen ist sogar klar, warum Sie das gemacht haben. Sie wollten endlich mehr Zeit gewinnen für die Führung der Mitarbeiter, endlich mehr Zeit für die Familie. Sie wollten nicht, dass Ihre Kinder Sie nur als gestresstes Nervenbündel kennen. Sie wollten nicht, dass Ihre Mitarbeiter Sie als eine zwar physisch anwesende Person erleben, die jedoch für deren Anliegen oder Anregungen keine Zeit hat.

Vor welchem Ergebnis stehen Sie heute?

Quillt Ihre Mailbox mit ungelesenen E-Mails über? Ist Ihr Kalender übersät mit Terminen? Hetzen Sie von einem Meeting zum anderen? Willkommen im fortgeschrittenen Hamsterrad. Gehen wir mal einen Schritt zurück und lassen Sie uns über folgende Metapher nachdenken: Was muss ein Bergsteiger tun, wenn er eine professionellen Ausrüstung samt Routenplan und die nötige Kondition besitzt, um auf den Fünftausender zu kommen? Ganz einfach „loslaufen“. Für das Erreichen eines sich gesetzten Zieles gibt es ein Zauberwort. Sie kennen es bestimmt: „TUN“.

Wissen Sie, was wirklich spannend, zugleich aber auch eine traurige Tatsache ist: Menschen denken, wenn sie für etwas Geld ausgeben (Hörbuch, Bücher, DVD) oder einen Workshop besuchen, lösen sich ihre Zeitprobleme in Luft auf. Hoch motiviert kommen sie aus dem Seminar und auf ihrer Stirn steht:

„Jetzt verändert sich alles.“

Voller Tatendrang machen sie die ersten Schritte und bemerken, so einfach wie im Seminar ist es aber nicht. Im Alltag merken die Menschen, wie sie mit den neu gewonnenen Werkzeugen das erste Mal scheitern. Trotzdem machen sie tapfer weiter. Ein zweites, drittes und vielleicht auch noch ein viertes Mal. Folgt dann kein positives Ergebnis, tun sie genau das Gegenteil von dem, was ein Kind macht, wenn es zum ersten Mal auf den Beinen steht. Es fällt um, steht auf, geht weiter, fällt um, steht auf, geht weiter usw.

Erwachsene denken, sie können 20, 30 oder 40 Jahre das Gleiche tun und mit drei, vier Versuchen sofort eine Veränderung herbeiführen und Erfolge einfahren. Dann folgt in den meisten Fällen eine der dümmsten Ausreden: „Das ist ein schlechter Autor“, „Die DVD zeigt eine Wunschvorstellung“ oder „Das Seminar hat mir nichts gebracht“. Oben drauf packen sie noch „Ich habe es ja versucht“. Der Sündenbock, warum es nicht umgesetzt wurde, wird im Außen gesucht. Schuld sind der schlechte Referent, der miese Autor oder die komplexe DVD. Kennen Sie diese Aussagen? War das Ganze vielleicht nur ein Mittel, um das schlechte Gewissen („Ich sollte was tun“) zu beruhigen?

Sie tragen selbst die Verantwortung, dass Sie sich im Hamsterrad bewegen

Kennen Sie das Mantra der Arbeitswelt? Alles wissen, unentbehrlich sein, immer gut dastehen und 24 Stunden zur Verfügung stehen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Wer trägt die Verantwortung, dass Sie sich im Hamsterrad befinden? Ist es das Unternehmen, bei dem nur der Profit im Vordergrund steht. Ist es der Vorgesetzte, der immer mehr will? Sind es die Mitarbeiter, die einfach zu wenig Leistung bringen und sich vor Verantwortung drücken – also kurz gefasst: die Umstände? Wie oft haben Sie genickt?

Wollen Sie aus dem Hamsterrad heraus? Dann hören Sie auf, den Fokus nach außen zu richten. Suchen Sie stattdessen die Ursache bei sich selbst. Sie haben sich in das Hamsterrad gebracht. Deshalb besitzen Sie auch die Macht, sich wieder herauszuführen. Wie Sie das schaffen, ist im Grunde genommen einfach. Denken Sie über Ihre Handlungen nach, die dazu geführt haben, dass Sie im Rad gelandet sind.

Bevor Sie weiterlesen: Halten Sie inne!

Ich möchte Sie bitten. Bevor Sie jetzt weiterlesen, halten Sie ein paar Minuten inne. Machen Sie sich ein paar Notizen, wie Sie in das Hamsterrad gekommen sind und lesen Sie erst dann weiter. Das hat einen bestimmten Grund. Diejenigen, die sich darauf einlassen, werden erkennen, dass Sie den nächsten Abschnitt nicht nur intellektuell, sondern auch emotional verstehen.

Haben Sie es ausgehalten, nicht weiterzulesen? Eine der Königsdisziplinen in der Führung, um Boris Grundl zu zitieren, ist: Führungskräfte müssen aushalten können. Auch das ist Teil unserer Führungskräftetrainings.

Die nachfolgenden Fragen sollen Ihnen helfen, das Hamsterrad für Fortgeschrittene zu entschleunigen. Damit Sie irgendwann ganz aussteigen können.

  • Wie oft sagen Sie Ja und meinen Nein?
  • Wie viele Teller jonglieren Sie und wie viele könnten Sie davon abgeben?
  • Bei wie vielen Ihrer Aufgaben steht dahinter: Das kann zu 100 Prozent nur von mir erledigt werden?
  • Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie glasklar sind Ihnen die Prioritäten?
  • Wie viele Ziele verfolgen Sie gleichzeitig?
  • Wie geht es Ihnen, wenn Mitarbeiter im Rampenlicht stehen anstatt Sie selbst?
  • Wie viel Zeit investieren Sie darin, Ihre Mitarbeiter zu entwickeln?
  • Wie oft tun Sie die Dinge selbst, weil Sie denken: Das geht schneller?
  • Welche Aufgaben übernehmen Sie von anderen, obwohl diese es selbst tun könnten?
  • Bei wie vielen E-Mail stehen Sie in CC?
  • Wie oft schieben Sie unangenehme Dinge vor sich her?
  • An wie vielen Meetings nehmen Sie teil, bei denen Sie nicht dabei sein müssten?

Vielleicht fallen Ihnen jetzt noch viele andere Punkte ein, umso besser. Wenn Sie wollen, können Sie auch noch einen Schritt weitergehen. Setzen Sie hinter jeden Punkt, der auf Sie zutrifft, eine Zeitangabe.

Verändern Sie Ihren Blickwinkel

Welchen Blickwinkel haben Sie jetzt nach dieser Übung auf das fortgeschrittene Hamsterrad? Wie viel Zeit könnten Sie gewinnen? Diejenigen unter Ihnen, die es wirklich ernst meinen, stellen sich die weitere Frage: Was werde ICH jetzt konkret TUN?

Einmal mehr geht es wieder um die Selbstführung beziehungsweise um Selbstverantwortung. Sie entscheiden, ob Sie weiterhin im Hamsterrad bleiben oder ob Sie heute mit der Veränderung beginnen und sich selbst rausholen. Erinnern Sie sich noch: Was muss der Bergsteiger TUN, damit er den Fünftausender besteigen kann?

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Zurückgewinnen Ihrer Zeit.

Nicole Rieder

Bildquelle: © fotomek Fotolia.com #104081774

 

Über den Autor

Nicole Rieder
Nicole Rieder

Senior Trainerin Nicole Rieder arbeitete vor ihrer Zeit bei der Grundl Leadership Akademie 18 Jahre in einer Bank, wo sie nach 12 Jahren von einem auf den anderen Tag Führungsverantwortung bekam. Das erste Mal mit einer solchen Aufgabe konfrontiert, wusste sie nicht, wie sie andere Menschen führen sollte und imitierte daher den Führungsstil ihrer Vorgesetzten. Als diese Herangehensweise über längere Zeit nicht funktionierte, war sie kurz davor aufzugeben. Nach einem Fortbildungsseminar machte Nicole Rieder zwar mit neuen Ideen und etwas Aufschwung weiter, mit ihren Leistungen war sie jedoch noch nicht zufrieden.

In dieser Zeit stellte ein Kollege die entscheidende Frage: „Gibst Du Dir denn selbst die Berechtigung zu führen?“ Erst da wurde ihr bewusst, dass sie einem Glaubenssatz folgte, der ihr das Recht absprach, Menschen zu führen, die eine bessere Ausbildung genossen hatten, älter oder höhergestellt waren. An dieser Stelle begann die eigentliche Arbeit.

Als sie über Freunde dann zusätzlich von Boris Grundl erfuhr, war ihr klar, dass sie diesen Weg auch für sich einschlagen wollte – einen Weg zu mehr Selbstführung. Nicole Rieder führte sich regelmäßig und diszipliniert selbst und hatte es schließlich geschafft: Andere Menschen ließen sich von ihr führen.

Heute gibt sie ihre Erfahrungen als Trainerin bei der Grundl Leadership Akademie weiter.

4 Kommentare

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  • Liebe Frau Rieder
    Eben blieb ich nach der vierten Übung der „fünf Tibeter“ auf dem Küchenboden einfach auf dem Mätteli liegen. Es ist mir gelungen kurz aus dem Hamsterrad auszusteigen. Ihrem Blog „Hamsterrad für Fortgeschrittene“ nachsinnend. Treffend und wahr sind Ihre Gedanken. Ich bedanke mich. Was für ein schönes Hamsterrad aus rostfreiem Stahl. Und was für eine schöne blaue Krawatte trägt der Mann im Rad … Es grüsst Sie herzlich
    Hans Wellenreiter

  • Guten Tag,
    nach dem Lesen fiel mir spontan Herr Gabriel ein, unser Aussenminister, der ja eigentlich angetreten war mit der Option mehr Zeit für seine Familie haben zu wollen und jetzt das! Sein Amt als Aussenminister bedeutet doch noch weniger Zeit für Familie als vorher und genau das beschäftigt mich schon eine ganze Weile mit der großen Frage: warum hat es sich für dieses Amt entschieden? Passt irgendwie gut zu Ihrem Artikel.

    Ich bin seit Jahren im bewussten aktuellem-Tag-Modus, egal ob in Familie, Freundeskreis oder in der eigenen Firma. Aber das hat sicherlich auch mit meinem Alter zu tun, denn das bedeutet + Gelassenheit-Modus und Selektion zwischen wichtig und unwichtig.

    Auch wenn ich Ihre Hilfe nicht dringend benötige, lese ich Ihre Artikel gerne und bin glücklich darüber, dass es diese Hilfen gibt, denn in der Zeit meiner Bedürftigkeit, gab es sie noch nicht. Dafür empfehle ich Sie immer gerne weiter, wenn ich merke, dass da jemand ist, der Hilfe benötigt. Meistens reicht schon eine meiner DIN-A-4 Seite zu einem Thema von Herrn Grundl aus, um Abhilfe zu schaffen… zumindest im Kopf. Der nächste eigene Schritt muss dann vom Bedürftigen getan werden.

    LG aus Berlin

    • Guten Abend Frau Glodde

      Ich danke Ihnen für Ihre Rückmeldung zu meinem Blog-Thema. Es freut mich, dass unsere Zeilen, Ihnen eine Hilfestellung bieten. Manchmal brauchen die Menschen nur einen leichten Anstoss, um wieder bewusster auf gewisse Themen schauen zu können.
      Ich wünsche Ihnen weiterhin viele Erkenntnisse aus unseren Blog-Themen.

      Viele Grüsse
      Nicole Rieder

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