Führung durch Nichtführung am Beispiel von Zinédine Zidane als Führungskraft eines Champions-League-Siegers

Wer von Ihnen erinnert sich noch an das UEFA-Champions-League-Finale 2017?  Es war der 3. Juni 2017 im Millenium Stadium in Cardiff. Juventus Turin gegen Real Madrid. „Gigi“ Buffon gegen Cristiano Ronaldo. Halbzeitergebnis nach einer relativ ausgeglichenen ersten Halbzeit: 1:1. Endergebnis nach einer fulminanten zweiten Halbzeit von Real Madrid: 4:1-Sieg für die Königlichen aus Madrid. Sie fragen sich jetzt sicherlich, was das Ganze mit Führung zu tun hat? Sehr viel!

Zinédine Zidane, der Trainer von Real Madrid, hat als Führungskraft ein Ergebnis geschaffen, das vor ihm noch keinem Trainer auf Anhieb gelungen ist: den Champions-League-Titel, also den höchsten Titel im europäischen Vereinsfußball, direkt zweimal hintereinander zu gewinnen. Doch wie hat er das aus Führungssicht geschafft und was ist daran so einzigartig? In den folgenden drei Prinzipien wird beleuchtet, wie Zinédine Zidane diese Führungsergebnisse erreicht hat und was Führungskräfte von ihm lernen können.

Bodenständig, bescheiden, nicht abgehoben

„Jeder seiner ehemaligen Trainer bestätigt es: Zidane war bescheiden, und er arbeitete hart, härter als die meisten anderen Profis.“ (https://www.11freunde.de/artikel/zinedine-zidane-neuer-real-trainer)

Menschen mögen Menschen die bodenständig, bescheiden und nicht abgehoben sind, aber dennoch gleichzeitig ein gesundes Selbstvertrauen haben. Selbstverständlich suchen Menschen oftmals nach Vorbildern, die sie gerne auf einen Sockel heben. In der persönlichen Weiterentwicklung kann es durchaus sinnvoll sein, sich an einem Vorbild zu orientieren. In der Führung von Menschen steht Führungskräften häufig genau diese „Überhöhung“ im Weg.

Menschen wollen nicht mehr von irgendwelchen abgehobenen Schaumschlägern und Motivationsgurus geführt werden. Menschen wollen als Mensch wahrgenommen und selber mitentscheiden und einbezogen werden sowie Ergebnisse erzielen. Viel wichtiger als alle Führungsmethoden und -tools ist es, Menschen auf der Beziehungsebene zu erreichen und dadurch die Berechtigung zu erhalten, dass sich die Mitarbeiter auch führen lassen. Führung ausschließlich über Macht funktioniert da immer schlechter, es geht darum, Menschen auf Augenhöhe zu beeinflussen und zu begegnen.

Ich erlebe im Alltag als Trainer von Führungskräften häufig folgendes Prinzip:

„Wenn du dich groß machst (überhöhst), wirst du von anderen Menschen als klein angesehen. Wenn du dich normal/menschlich gibst, sehen dich andere Menschen groß.“

Investieren Sie lieber die Energie, die Sie bisher für Ihre kontinuierliche Überhöhung aufgewendet haben, in die Entwicklung Ihrer Mitarbeiter und in Ihre Führungspersönlichkeit. Arbeiten Sie härter an sich selbst, anstatt andauernd vor anderen glänzen zu wollen.

Führung durch Nichtführung anstatt Führung über Hierarchie. Feedback auf Augenhöhe anstatt Führung über Macht

Auch Weltmeister Toni Kroos fühlt sich unter Zidane sichtlich wohl. „Er ist nicht so lehrerhaft. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Er braucht sich auch gar nicht über uns zu stellen, weil er’s einfach kann, weil ihm eh jeder zuhört“, berichtete Kroos nach dem Finale. (http://www.sport1.de/fussball/champions-league/2017/06/champions-league-darum-ist-zinedine-zidane-real-madrids-heimlicher-held)

Die Führungskraft Zidane führt dadurch, dass sie nicht führt. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich schnell auf, wenn man die Rolle von Zidane genauer betrachtet. Die Fußballspieler von Real Madrid haben neben ihren hervorragenden fußballerischen Fähigkeiten auch schon in jungen Jahren enorme Erfolge gefeiert und sind dadurch fast ausschließlich starke Persönlichkeiten. Wie wollen Sie diese Mitarbeiter führen? Ausschließlich über Hierarchie geht das sicherlich nicht, da gehen Sie als Führungskraft über kurz oder lang drauf. Zidane hat gewisse Leitplanken (Regeln) festgelegt, innerhalb derer die Spieler frei agieren können, und sieht sich selbst als Führungskraft in der Rolle des Sparringspartners auf Augenhöhe. Zidane kommuniziert viel, gibt Feedback und sorgt dafür, dass das Betriebsklima innerhalb der Mannschaft passt. Das ist seine Rolle und die passt perfekt zu seinen Mitarbeitern und zu Real Madrid.

Sicherlich wird der ein oder andere einwenden: Wenn ich nur Mitarbeiter vom Kaliber Ronaldo, Kroos oder Benzema habe, dann hätte ich sicherlich kein Problem in der Führung und die Ergebnisse wären auch erstklassig. Diesen Blickwinkel verstehe ich, bin aber nicht einverstanden damit. Starke Mitarbeiter brauchen auch starke Führungskräfte. Je stärker die Individuen in Ihrem Umfeld sind, desto stärker müssen Sie als Führungskraft sein. Ich rede hier nicht von der fachlichen Stärke, die ist Grundvoraussetzung – vielmehr meine ich persönliche Stärken wie die Fähigkeit zur Auseinandersetzung, Klarheit und Durchhaltevermögen.

Mannschaftsinteressen (Wir) über Eigeninteressen (Ich)

Was Zidane sehr gut geschafft hat: Jedem das Gefühl zu geben, dass er wichtig ist. Er hat unheimlich viel rotiert  in der Liga, jeder war wirklich wichtig“, so Madrids Mittelfeld-Ass Toni Kroos. (http://www.bild.de/sport/fussball/champions-league/kroos-schwaermt-von-real-trainer-zidane-52039508.bild.html)

Ich bin nicht der beste Trainer der Welt“, schmälerte Zidane seinen Anteil an dem jetzt schon legendären 4:1 gegen Juventus Turin und verwies auf seine Spieler: „Nur mit ihnen kann man so etwas schaffen. Ich bin auch ein Teil dieser Mannschaft, ein Teil dieses Erfolgs, aber nicht derjenige, der spielt.“ (http://www.sport1.de/fussball/champions-league/2017/06/champions-league-darum-ist-zinedine-zidane-real-madrids-heimlicher-held)

In erster Linie geht es in der Führung darum, andere Menschen zu starken Individuen zu entwickeln und bei den Mitarbeitern ein gesundes Ego aufzubauen. Gerade in diesem Bereich ist in der Führung ein Riesenpotenzial vorhanden, das leider die wenigsten Führungskräfte bei sich selbst, aber auch nicht bei den Mitarbeitern ausschöpfen. Ist dieser Schritt vollbracht, geht es vom Ich zum Wir. Jetzt gilt es, aus starken Individuen ein Mannschaftsgefüge zu formen – und hier trennt sich in der Führung die Spreu vom Weizen.

Aus meiner Sicht ist es Zidanes größte Leistung, dass er es in kürzester Zeit geschafft hat, aus starken Individuen (ICH) ein Mannschaftsgefüge (WIR) zu formen.

Aber wie hat er das gemacht?

Zum einen hat Zidane dabei jedem das Gefühl gegeben, dass er wichtig ist, viel rotiert und kommuniziert. Oberstes Prinzip war dabei immer: Mannschaftsinteressen vor Eigeninteressen. Nur das Wir gewinnt. In der Umsetzung dieses Prinzips hat er auch seine absoluten Leistungsträger wie Ronaldo oder Kroos hin und wieder ausgewechselt und ihnen eine Pause gegönnt. Somit hatte Madrid in der entscheidenden Saisonphase einen enorm breiten Mannschaftskader und die Verantwortung für das Mannschaftsergebnis wurde auf viele Schultern verteilt. Dadurch war jeder Einzelne wichtig und viele Spieler haben erkannt, dass das Gewinnen nur über eine im Inneren funktionierende Mannschaft geht. Spieler, die sich diesem Prinzip nicht unterworfen haben, und kontinuierlich die Eigeninteressen vor die Mannschaftsinteressen gestellt haben, wurden bei der Aufstellung nicht berücksichtigt.

Die Anwendung diese Prinzipien lassen sich teilweise auch bei der „jüngeren“ Trainiergeneration wie Julian Nagelsmann (Hoffenheim), Hannes Wolf (Stuttgart) oder Domenico Tedesco (Schalke 04) beobachten – ich bin gespannt, welche Ergebnisse diese zukünftig damit erzielen.

Ich freue mich auf eine spannende Diskussion mit Ihnen.

Ihr Johannes Rascher

Bildquelle: ©pixabay

Über den Autor

Johannes Rascher
Johannes Rascher

Seit 2012 ist Johannes Rascher Senior Trainer der Grundl Leadership Akademie.

Auf seinem Lebensweg erlebte er bis dahin einige kleinere, aber auch sehr große Krisen. Damals fand er keine Antwort darauf. Er wusste nur: Entweder leiden oder wachsen. Die Entscheidung fiel schnell: Er wollte wachsen.

Bei der Suche nach effizienter, persönlicher Weiterentwicklung stieß Johannes Rascher auf Boris Grundl und die Grundl Leadership Akademie. Begeistert von dessen Konzepten und Ansätzen begann er, an sich zu arbeiten und entwickelte sich weiter. Die Antworten, die er fand, motivierten ihn dazu, sich immer besser selbst zu führen. Das bewirkte schließlich auch den Wunsch als Trainer und Führungsexperte eine solche Transformation bei anderen Menschen auszulösen.

Johannes Raschers Leitsatz: Starke Menschen, starke Führungskräfte, starke Ergebnisse!

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