Das emotionale Beziehungskonto aufladen

Wir alle wissen, was ein Bankkonto ist und wie es funktioniert. Was Zinsen sind, Dispokredite und so weiter. Wir zahlen dort ein und bauen uns ein Guthaben auf, von dem wir abheben können, wenn es nötig ist. In meinen Seminaren und Coachings erlebe ich immer wieder, dass jedoch die wenigsten wissen, was ein emotionales Beziehungskonto ist. Und dass sie, ohne es zu wissen, solch ein Konto zu jedem ihrer Mitmenschen pflegen. Die Metapher des emotionalen Beziehungskontos beschreibt, wie viel Vertrauen in einer zwischenmenschlichen Beziehung aufgebaut worden ist. Es ist das Gefühl von Sicherheit, das Sie einem anderen Menschen gegenüber haben.

Wenn jemand bei Ihnen durch Höflichkeit, Ehrlichkeit, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit Einzahlungen macht, baut er Reserven auf. Ihr Vertrauen zu ihm wird stärker. Und er kann es, wenn nötig, auch mehrfach beanspruchen. Sogar Fehler kann er machen. Die gegenseitige Vertrauensebene wird sie aufwiegen. Wahrscheinlich werden Sie ihn auch nicht auf seine Worte festnageln. Denn wenn das Vertrauenskonto groß ist, ist die Kommunikation schnell, leicht und effektiv.

Vertrauensebene: Sorgen Sie für emotionale Reserven

Sollte er jedoch die Eigenschaft haben, unhöflich zu sein, überzureagieren, Sie zu ignorieren, feindselig zu werden oder Ihr Vertrauen in irgendeiner Art und Weise zu missbrauchen, ist das Konto irgendwann überzogen. Die Vertrauensebene ist niedrig. Welche Flexibilität hat er dann noch? Gar keine. Kommunikation und Handeln wird zu einem Tanz auf dem Minenfeld. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Ständig muss er auf seine Rückendeckung achten. Genau diesen Zustand erleben wir in Organisationen, aber auch in Familien und Ehen immer wieder. Kommt Ihnen diese Beschreibung bekannt vor?

Nehmen wir einmal das Beispiel Ehe. Tiefes, spontanes Verständnis und klare Kommunikation können durch den Überzug des emotionalen Beziehungskontos mit der Zeit zu einer angepassten Bequemlichkeit verblassen. Das Ergebnis: Zwei Menschen, die versuchen, auf einigermaßen respektvolle und tolerante Art unabhängige Lebensstile zu führen. Es kann natürlich noch schlimmer werden. Feindseligkeiten, Abwehrhaltungen oder die typische „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion stehen dann an der Tagesordnung. Sie führen zu Wortgefechten, knallenden Türen, Gesprächsverweigerung oder emotionalem Rückzug. Das Ganze kann bis zu einem kalten Krieg in den eigenen vier Wänden ausarten, der nur durch Kinder, sozialen Druck, Sex oder Image-Wahrung begrenzt wird.

Vorsicht: Bei fortlaufenden Beziehungen braucht sich Guthaben von alleine auf

Stephen R. Covey sagte hierzu: „Unsere beständigsten Beziehungen, wie die Ehe, bedürfen auch unserer beständigsten Einzahlungen.“ In der Tat: Bei fortdauernden Beziehungen braucht sich das Guthaben mit der Zeit von alleine auf. Wie eine Art Inflation. Interessanterweise kennen die meisten von Ihnen hingegen wahrscheinlich das „Schulfreund-Phänomen“. Im letzten Sommer traf ich per Zufall einen alten Schulfreund, den ich vor fünf Jahren das letzte Mal gesehen habe. Es war, als wäre keine Zeit vergangen. Der Beziehungskontostand war immer noch auf dem Niveau von damals.

Allerdings bedürfen die Konten Ihrer Mitmenschen, mit denen Sie regelmäßig zu tun haben, auch konstanteren Einlagen. Es gibt manchmal bei den normalsten, täglichen Interaktionen oder durch die Art, wie andere Sie wahrnehmen, automatische Abbuchungen, von denen Sie gar nichts wissen. Jeder, der Kinder in der Pubertät zu Hause hat, wird genau wissen, was ich damit meine.

Eine der besten Einzahlungen ist Zuhören – ohne zu verurteilen

Was können Sie tun, wenn sich einer Ihrer Mitmenschen mehr und mehr zurückzieht? Wenn er keinen Rat mehr annimmt oder sich distanziert? Eine spannende Frage zum Nachdenken wäre: Was würde passieren, wenn Sie beginnen würden, Einzahlungen in die Beziehung zu leisten? Sie könnten sich für Ihren Mitarbeiter einmal zehn Minuten Zeit nehmen, in denen es nur um ihn geht und um das, was ihn persönlich bewegt. Oder Sie bringen Ihrem zweiradbegeisterten Sohn eine Zeitschrift über Motorräder mit. Oder bieten Ihrer Frau (oder Ihrem Mann) Hilfe bei der Hausarbeit an. Eine der besten Einzahlungen ist vermutlich Zuhören. Und dabei nicht verurteilen, predigen oder die eigene Autobiografie in die Worte des anderen legen. Hören Sie einfach zu und versuchen Sie, zu verstehen. Lassen Sie den anderen Menschen Ihre Fürsorge, Ihre Akzeptanz und Ihr Interesse spüren.

Nun könnte es passieren, dass der andere nicht sofort reagiert. Vielleicht ist er misstrauisch und denkt sich „Was hat der Chef jetzt wieder vor?“. Fließen diese Einzahlungen jedoch weiter, beginnen sie sich allmählich zu addieren. Das überzogene Konto wird ausgeglichen. Bitte bedenken Sie dabei, dass schnelle Lösungen nur Luftschlösser sind. Beziehungen aufzubauen und zu reparieren, braucht seine Zeit. Eine Gehaltserhöhung, ein neues Auto oder Fahrrad sind Dinge, die bereits nach wenigen Wochen wieder verpuffen.

Ja, es ist schwierig, geduldig zu bleiben. Denn es braucht Charakterstärke, um so einen Wiederaufbau auszuhalten. Wachsendes zu nähren und nicht die gerade sprießenden Radieschen auszurupfen, um zu schauen, ob sie schon dick sind. Aber es gibt nun mal keine Patentlösungen. Der Aufbau, die Wartung und die Reparatur von Beziehungen sind langfristige Investitionen.

Fangen Sie noch heute damit an. Denn zu spät ist es dafür nie.

Gerne helfen wir Ihnen dabei in einem unserer Führungskräfteseminare oder in einem persönlichen Eins-zu-eins-Gespräch.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei der Umsetzung.

Ihr Team vom Grundl Leadership Institut

Bildquelle: ©Pixabay – Manuchi

Über den Autor

Grundl Leadership Institut
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Die Redaktion der Grundl Leadership Institut schreibt über verschiedene Facetten von Führung wie Führungsverantwortung und systematische Menschenentwicklung. Das Redaktionsteam transferiert in den Beiträgen relevante Managementlehren in die Praxis und greift damit wirkungsvoll den Leading Simple©-Gedanken des Grundl Leadership Institut auf: Menschen fördern – mit System.

Der intensive Austausch mit Boris Grundl und den Trainern des Grundl Leadership Institut liefert kontinuierlich neue Impulse, einzelne Aspekte von Führung zu beleuchten und Handlungsempfehlungen aufzuzeigen.

2 Kommentare

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  • Sie haben einen guten Zeitpunkt gewählt, und guten Tag.

    Die Monate November und Dezember eignen sich besonders gut für solche Kontenbetrachtungen… bei Einzahlungen und Abhebungen. Da trifft es sich gut, wenn das Buch ‚Verstehen heißt nicht einverstanden sein‘ bereits neben dem Lieblingssessel liegt und sein übriges zum Gelingen beitragen kann.

    Ihre Beschreibungen sind mir bewusst und vertraut, nur habe ich es NIE als Konto gesehen oder betitelt, aber ich halte es für einen wunderbar geeigneten Begriff und werde ihn ab heute auch verwenden, wenn auch nur für mich. Er macht es deutlich und ist leicht nachvollziehbar, weil es sich bei einem Bankkonto ja nicht anders verhält.

    Ich sage danke und werde immer wieder neugierig lesen, denn auch mit 67 lerne ich noch hinzu.

    Beste Grüße aus Berlin,
    ingrid glodde

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