Der Wahn der Machbarkeit

In den 90ern war es modern, über glühende Kohlen zu laufen. Ein Sieg des Willens über die Physik? Tatsächlich: In einem extremen Mentalzustand kann das Verbrennen verschoben werden. Verschoben, nicht aufgehoben! Was blieb, war der Mut, seine Angst zu überwinden. Eine interessante Möglichkeit mangelndes Selbstvertrauen zu stärken. Nicht mehr, nicht weniger. Die Botschaft daraus: Du kannst alles erreichen, wenn du dich traust. Wo ein Wille ist, wartet ein Weg. Ist dem so?

Welch schöner Gedanke für angstgetriebene Kontrollfreaks, die Welt durch Willenskraft formen zu können. Es gab und gibt so viele davon. Das entstandene Allmachtsideal prägt heute noch manchen Anspruch an Führungskraft und Mitarbeiter. Etwas klappt nicht? Dann wolltest du es zu wenig. Streng dich mehr an! Doch zu jeder Bewegung existiert eine Gegenbewegung, ein Ausgleich und Gegengewicht. Das dritte newtonsche Gesetz: Actio und Reactio. Das Ergebnis? „Ich habe es nicht geschafft. Die Umstände waren gegen mich. Die anderen oder das System lassen mich nicht. Ich würde ja gerne.“ Kennen Sie das? Vermutlich. Interessant! Wer hat da Recht? Personenkult oder Systemgläubigkeit?

Stellen wir bewusst die extremen Pole gegenüber und spielen damit. „Alles ist möglich“ packen wir nach Amerika. Der personenzentrierte Glaube, alles erreichen zu können. Der amerikanische Traum „vom Tellerwäscher zum Millionär“ gründet darauf. In seiner harten Form nährt er den Schöpferwahn: Aktionismus, Dominanzstreben und Narzissmus. Auch unter Präsidenten soll er vertreten sein.

„Ich würde gern, aber man lässt mich nicht“ packen wir nach Deutschland. Der deutsche Traum „das System richtet es und sorgt für mich“ ist das Mantra der Systemjünger. Zu viel Systemhörigkeit führt zur Opferhaltung: zu Fatalismus, Gleichgültigkeit und Selbstverleugnung.

Doch welche Wirkung haben die beiden Pole in der Realität? Ein Praxischeck: Können Syrer in Aleppo wirklich alles werden, was sie wollen, wenn links und rechts die Granaten einschlagen? Jetzt wird klar: Fehlende Voraussetzungen, kein funktionierendes System, sorgen für Zwang, Chaos und Zerstörung. Von freiem Willen keine Spur. Wie in Deutschland nach 1945. Doch mit dem Wirtschaftswunder kamen funktionierende, politische und wirtschaftliche Systeme und mit ihnen Freiheit und Selbstbestimmtheit. Die Chance, sein Leben sinnvoll zu gestalten. Schufen damals wenige Macher sehr hierarchische Strukturen, tragen heute wandlungsfähige Systeme den Menschen und umgekehrt. Oder kurz: Funktionierende Systeme sind die Voraussetzung für Machbarkeit.

Heute ist die Zeit der Macher vorbei. Die Verantwortung liegt immer mehr beim Einzelnen. Jeder muss entscheiden, was er zum Gemeinwohl beitragen und zum eigenen Gelingen denken und tun will. Die Qual der Wahl. Für manche ein Horror. Für andere ein Traum. Aus meiner Sicht war noch nie die Möglichkeit, sein Ding zu machen, so groß wie heute. Zugegeben: Meine Meinung ist sicher etwas extrem und basiert auf meinem Lebenslauf als zu 90 Prozent gelähmter Schwerstbehinderter. Und dennoch treffe ich immer wieder Menschen, die sich geistig einengen und ihr Versagen stets auf andere schieben, statt sinnvoll zu differenzieren. Auch das ist Freiheit.

Lassen Sie uns zusammenfassen: Systeme sind Voraussetzung für Anfang und Ende der Machbarkeit. Egal, ob Politik, Wirtschaft, Ressourcen (physisch und psychisch!), Kulturen oder Gene. Es gibt klare Grenzen der Einflussmöglichkeit eines Einzelnen. Dazwischen liegt ein riesiges Feld voll Machbarkeit und Einfluss. Erkennen Sie exakt diesen Korridor. Jeden Tag aufs Neue. Das ist wirklich smart und klug. Damit jeder der Beste wird, der er sein kann.

Wollen Sie mehr erfahren? Schauen Sie in meine neue Videoserie „Grundls Gründe“ rein. Hier durchleuchte ich aktuelle Themen aus verschiedenen Perspektiven, in dieser Folge die Möglichkeiten und Grenzen rund um die „GroKo“-Verhandlungen. Die Große Koalition ist das erwartungsgemäße Ergebnis langwieriger Gespräche. Viele haben intensiv über die Regierungsbildung diskutiert – auch wenn sie keinen Einfluss haben. Verschwenden wir zu viel Zeit für Dinge, die wir nicht ändern können?
Im Video erläutere ich Ihnen, wie Sie Ihre Zeit in einer immer komplexer werdenden Welt sinnvoll nutzen. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie beeinflussen können. Dann haben Sie genug Zeit.

Ihr Boris Grundl

Bildquelle: ©pixabayTomasz_Mikolajczyk

Über den Autor

Boris Grundl
Boris Grundl

Boris Grundl durchlief eine Blitzkarriere als Führungskraft und gehört als Führungsexperte und mitreißender Kongress-Redner zu Europas Trainerelite. Er ist Management-Trainer, Unternehmer, Autor sowie Inhaber der Grundl Leadership Akademie.

Boris Grundl perfektionierte die Kunst, sich selbst und andere auf höchstem Niveau zu führen. Er ist ein gefragter Referent, Gastdozent an Universitäten und erforscht das Thema Verantwortung (www.verantwortungsindex.de). Seine Referenzen bestätigen seine Ausnahmestellung unter den Spitzen-Referenten. Keinem wird eine so hohe Authentizität und Tiefgründigkeit bescheinigt. Er redet Klartext, bleibt dabei stets humorvoll und bringt die Dinge präzise auf den Punkt. Boris Grundl ist als prominenter Experte gern gesehener Gast und Protagonist in Fernsehen und Radio (u.a. ARD, ZDF, WDR, MDR, 3sat, SWR, RBB, FFH). In Großvorträgen gibt er Schülern wegweisende Impulse für ein eigenverantwortliches Leben. Boris Grundl ist „der Entwickler“ (Harvard Business Manager). Starke Rede – tiefer Sinn.

Seine Grundl Leadership Akademie befähigt Unternehmen, ihrer Führungsverantwortung gerecht zu werden. Aus der Praxis für die Praxis. Die Akademie macht mit der Menschenentwicklung dort weiter, wo die meisten Managementlehren aufhören. Menschen fördern – mit System.

Mehr Informationen unter www.borisgrundl.de.

Ein Kommentar

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  • Lieber Herr Grundl,

    wieder eine sehr gute Botschaft, die ich teile: Kraft und Kreativität in die Dinge, die in unserem Einflussbereich liegen.

    Allerdings halte ich es für sehr wichtig, dass sich mehr Menschen in unserem Land aktiv in die Politik einmischen – und zwar dort, wo sie Einfluss nehmen können, nämlich vor Ort und vielleicht noch in thematisch und zeitlich abgegrenzten Projekten. Unser Gemeinwesen lebt von dieser Beteiligung. Gerade Menschen, die beruflich erfolgreich und Know-How einbringen könnten, fehlen sehr in der Politischen Arbeit in den Kommunen.
    Deshalb fände ich es sehr wertvoll, wenn Menschen, wie Sie, die etwas zu sagen und eine große Reichweite haben, helfen würden, eine entsprechende Botschaft zu verbreiten.

    Herzlich, Ulrich Pickert

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